Hektische Unbeweglichkeit

Politische Auseinandersetzung ist schon immer auch im öffentlichen Raum zu Hause. Plakate, Tags, Sticker, mit etwas Glück mal ein aufwendigeres Mural. So war es jetzt keine große Überraschung zu entdecken, dass jemand im Plänterwald (das ist gewissermaßen die größere Verlängerung des Treptower Parks im Berliner Südosten) Holzelemente mit Free-Gaza-Schriftzügen ritzt (oder brennt eventuell?). Da steckt durchaus ein bisschen Mühe drin, allerdings fragte ich mich, am Waldspielplatz verweilend, wer so viel Energie hat und es für eine kluge Idee hält, die an so einen wenig frequentieren Ort zu verschwenden, jetzt mal unbesehen, wie wichtig das Anliegen sein mag.

A. meinte, dass das ganz junge Menschen wären, da gebe es viel Überschuss, der sich halt Bahn breche. Vernunft sei nicht das allererste Kriterium, mehr Bestimmung, Gemeinschaft, Erlebnis. Tom Strohschneider verwies kürzlich in einem Sammelbeitrag zu Konflikten in der Linkspartei auf Shulamit Volkov, die schon in den 1980ern für die Einnahme bestimmter Standpunkte konstatierte, dass es weniger um die genaue inhaltliche Ausgestaltung, sondern mehr um „Erkennungszeichen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten, subkulturellen Milieu“ ginge. Ich ergänze in Gedanken, dass diese Beobachtung bestimmt auch auf die zu den Standpunkten gehörende Praxis ausdehnbar ist. Kritik-Selbstkritik-Orgien, Hochdienerei in den Strukturen und die eine oder andere nicht unbedingt sinnvolle Zu-Fuß-Arbeit als, gegebenenfalls auch selbst auferlegter, Loyalitätsbeweis. Und so landet man dann im Plänterwald am Waldspielplatz. Oder bei der Zeitung.

Die Kraft des guten Arguments ist bekanntermaßen ohnehin viel geringer als man gemeinhin erwarten möchte. Wenn es jedoch zum Israel-Palästina-Komplex kommt, kann man getrost jegliche Hoffnung auf produktiven Austausch fahren lassen. Wenn es den Ausdruck Tribalismus nicht schon gäbe, dafür hätte er erfunden werden müssen. Beispielhaft illustrierte das in der vergangenen Woche die taz mit ihrer Meinungsschiene zur Ausladung von Igor Levitt und Danger Dan durch das ZDF. Sage und schreibe vier Kommentare zu einem einzigen Sachverhalt leistete sich der Laden, an den meine Erinnerung als Chef vom Dienst ist, dass es sonst wegen der viel zu dünn gestreckten Ressourcen bisweilen schwierig war, auch nur einen Text zu einem aktuellen Thema von Weltrang zu bekommen.

Na jedenfalls, während von der Münchner Abendzeitung bis zur Zeit allerlei berechtigte ÖR-Schelte betrieben wurde, gelang der taz gleich mehrfach das, was man zu meiner Zeit dort euphemistisch “steile These” nannte.

So gibt ein alter tazler dem ZDF recht, und findet es OK, dass die Aussendung der “fragwürdigen Antifa-Romantik” und des Aufrufs zu “Doxxing” und “Selbstjustiz” unterbunden wird. Überrascht? Die Verteidigung bestimmter, durchaus auch robusterer Meinungen, vorneweg das Recht auf Leugnung des Existenzrechts Israels, ist dem selben Autor sonst ein überaus engagiertes publizistisches Anliegen. Dass es da einen Zusammenhang geben könnte impliziert ein jüngerer tazler, der in seinem Kommentar den beiden Musikern vor allem ihr gutes Verhältnis zu Israel vorwirft. Ok, das ist ja auch der Kern der Auseinandersetzung grad. Oder? Oder nicht? Wie genau soll denn eine Verständigung möglich sein, wenn jeder, wirklich jeder Anlass offen oder verdeckt von dem einen gekapert wird?

Die taz wäre nun nicht die taz, wenn es (neben dem immerhin einen offensichtlich richtigen Kommentar) nicht auch auf skizzierter Meta-Ebene noch eine Antwort gäbe. So ertüchtigt sich also ein Kulturkorrespondent der Textexegese und empfiehlt, gelassener und überhaupt solidarisch an die Sache heranzugehen. So weit, so gut. Allerdings erinnere ich mich, mit wie viel tiefer moralischer Entrüstung dieser Autor einst, damals noch als Ressortleiter Kultur, in nicht ganz so zurückgelehnter Interpretation Menschenverachtung in einem Kolumnentext gefühlt haben wollte und der freien Autor*in, nicht als einziger muss man leider festhalten, öffentlich in den Rücken fiel.

Woher also kommts laissez-faire auf einmal? Ach, der Mann gehört zur kleiner werdenden Gruppe der Israel-solidarischen tazler. Ja, dann muss er natürlich das Gegenteil zu den andern schreiben. Worum gings doch gleich nochmal? Antifaschismus? Öffentlich-rechtliches Duckmäusertum?

Das ist kein Diskurs, das ist ein Stellungskrieg. Wir liegen unbeweglich in unseren Gräben und schießen blind aufeinander, während der Panzer der Geschichte über uns hinwegrollt. Es wird nichts gelernt, nichts entwickelt, einfach nur alles ad nauseam wiederholt. In Stadionlautstärke. Demagogisches Rauschen ohne Erkenntniswert und vor allem: ohne Wirkung. Oder besser gesagt, ohne produktive, positive Wirkung. Denn da wird nichts mobilisiert außer dem jeweils eigenen Ressentiment.

Ich fürchte, in diesem Komplex liegt auch eine der Antworten darauf begraben, warum es inmitten eines der größten Angriffe auf Sozialstaat, Bürger*innen- und Menschenrechte so wenig sichtbare organisierte und organisierende Gegenwehr gibt. Wenn das Plenum nämlich endlich so weit ist, den drölfzigsten Formelkompromiss in Sachen Nahost zu verabschieden oder bei günstigen Zahlenverhältnissen die gegnerische Partei aus dem Raum gemobbt wurde, bleiben nicht mehr gar so viel Ressourcen, sich um die eigentliche Sache zu kümmern.

Vielleicht mal durchatmen, eine Runde im Park drehen zum Beispiel? Achja. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis jemand am Waldspielplatz die Free-Gaza-Schnitzereien mit “… from Hamas” ergänzt.

im Bild oben: bisschen selbsterklärend.

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101

Octavia Butler, offenbar keine Anhängerin von Geniekult und göttlicher Inspiration gab jungen Autor*innen eine klare Richtung mit auf den Weg: „Schreib, jeden Tag, ob du es magst oder nicht. Scheiß auf Inspiration.“1 Sie ist gewiss nicht die einzige, die diesen Arbeitsethos anrät, aber ihre Formulierung knackt halt ganz ordentlich und wird also gerne zitiert.

Gewiss, ich habe streckenweise täglich Texte zu Papier gebracht. Das aber nur unter der ständigen Drohung von Deadlines. Das ist ein Druck, dem ich mich rückblickend betrachtet vielleicht nicht ganz zufällig ausgesetzt habe. Extrinsische Motivation. Die sanfte Peitsche der Schlussredaktion. Nicht nichts machen, stattfinden. So entstehen Gebrauchstexte, die selbstverständlich mehr Technik sind als Kunst. An wenigen guten Tagen Kunsthandwerk. Aber bis heute weiß ich nicht, wie das geht: jeden Tag schreiben. Wirklich schreiben.

Dabei wäre genau das doch nötig, um Möglichkeiten zu finden, nicht das immer Gleiche mit nur leicht variierenden Worten zu sagen. Wie so ein Journalismusbot. Nazis raus, Kapitalismus doof, Digitalisierung eine ausbeuterische Vollkatastrophe, KI für die Tonne. Da, 101 Anschläge, fertig.

In der Lesebühnenzeit, vor 20+ Jahren, da gab es so Momente. Auch nicht direkt jeden Tag, nein, aber immerhin manchmal. Und diese kurzen Blitze waren immer durch Kommunikation geprägt. Kurze Kommentare, Kritiken, überraschende Interpretationen anderer Autor*innen. Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist ein anregender, wenn auch bisweilen nur heimlich ausgetragener Wettbewerb. Qualitativ nicht abgehängt werden zu wollen ist kein schlechter Antrieb.

Reibung erzeugt Funken. Mangelnder Austausch ist eines der größeren Probleme des solitären Arbeitens. Und solitär war das, bei allem Krawall, auch in der Redaktion. Da hat kaum jemand mal die Zeit, sich der Alltagshektik selbst für Augenblicke zu entziehen. Es wird im wesentlichen gedruckt, wie’s kommt. Da rede ich übrigens nur von den Gutwilligen. Am unverlangten Textgemetzel mit dem einige andere sich dann wiederum über die Arbeit ihrer Kolleg*innen erheben, übt man eventuell die Konfliktbefähigung, aber nicht grad das Schreiben.

Jetzt, im Hobbysegment angekommen, ist der frühere Druck raus. Neben ein bisschen Befriedigung der Eitelkeit sind da keine tieferen Zwänge, existenzieller Art zumal, dabei. Zurück zu denen will ich sowieso nicht. Aber wie dann weiter und warum? 101 Anschläge… puh.

Der andere dringende Hinweis, den Butler in dem viel zitierten Interview noch gab, war der, dass Schreiben vor allem Lesen heiße. Das stimmt unbedingt. Ich bemerke da einen sowohl langfristigen Effekt, als auch einen unmittelbaren Zusammenhang. Je genauer und bewusster ich lese, umso dialogischer und damit produktiver wird der Prozess.

Vielleicht ist genau das ja der Anfang: Jeden Tag lesen. Richtig lesen. Und das bekomme ich inzwischen sogar schon ganz gut hin, glaube ich. 🙂

im Bild oben: Welche Stadt?

1 – „…write, every day, whether you like it or not. Screw inspiration.“ Octavia Butler, Interview by Randall Kenan, Callaloo, 1991)

Ein einfacher Vorsatz

Wie meistens komme ich erst nach Abschluss des Chaos Communication Congress‘ dazu, mir einige der Talks dort anzuschauen. Diesmal wird es sicher noch mindestens eine Woche dauern, bis ich loslegen kann. Ausnahme ist der Vortrag von Bianca Kastl und Martin Tschirsich zur Elektronischen Patientenakte.

Die knappe Zusammenfassung? Es ist einfach unfassbar, was da in gerade mal zwei Wochen in die freie Wildbahn entlassen wird (zunächst in einigen Testregionen, ab Mitte Februar dann deutschlandweit für alle, die nicht widersprochen haben). Falls Sie es nicht schon getan haben, der dringende Rat: Opt out! Ernsthaft, man kann daran nicht teilnehmen. Ich weiß schon, „nix zu verbergen“, aber Gesundheitsdaten?

Die sollten schon sehr sicher aufbewahrt werden und der Zugriff dürfte nur unter besonders strikter Kontrolle möglich sein. Wenn die Daten einmal draußen sind, lässt sich das nie wieder einfangen. Hepatitis C? Wissen dann alle, die es wissen wollen. Rezept für ein Duloxetin-Präparat? Bingo. Hämorrhoidenleiden? Glückwunsch.

Selbstverständlich ist die digitale Akte eine gute Idee, aber die Umsetzung scheint so dramatisch unsicher, das es schon erschütternd ist, dass es medial nicht mehr dazu gibt, als ein paar laue Servicestücke. Gerade erst beim rbb, wo zum Datenschutz lapidar festgestellt wird: „Ein Risiko von Datenklau und Hackerangriffen besteht im digitalen Raum allerdings immer, die Nutzung solcher Technologien bleibt also auch immer eine persönliche Abwägung.“

Die von Kastl und Tschirsich in ihrem Vortrag beschriebenen Angriffe sind dermaßen trivial in der Durchführung, dass schon nicht mehr von einfachen Schwachstellen und dem unvermeidlichen Restrisiko die Rede sein kann. Die beschriebene Infrastruktur scheint von Grund auf nicht geeignet zu sein, auch nur basale Anforderungen an die Sicherheit der überaus sensiblen Daten zu gewährleisten. Das ist eine Information, die ganz hilfreich für die persönliche Abwägung sein könnte. Aber ok.

Es geht dabei noch nicht mal um die schon lange bekannten obskuren Wege, auf denen die individuellen Daten nur pseudonymisiert (also bei Kenntnis des geeigneten Schlüssel zurückverfolgbar) statt anonymisiert für „Forschung“ gesammelt werden sollen. Forschung in Anführungszeichen, da Karl Lauterbach schon stolz eine Kooperation mit Google, Facebook und OpenAI avisiert. Was soll da schon schief gehen…

Es geht auch nicht um das ganz generelle Problem der zentralen Sammlung so vieler Datensätze in einer Infrastruktur mit buchstäblich hunderten Stakeholdern auf der nationalen Ebene (Krankenkassen und Dienstleistern zB), die wiederum jeweils teils Zehntausende Angestellte haben. Wie viel Vertrauen soll man zu deren Rechtemanagement und IT-Sicherheit haben?

Wenn man diese ganzen internen Gefahrenstellen mal außer acht lässt, bleibt immer noch die im Vortrag demonstrierte Außentäterperspektive. Es wird gezeigt, wie leicht es ist, sich eine Gesundheitskarte zu beschaffen. Die genügt dann bereits, um auf die Einzelakte zuzugreifen. Es gibt keine PIN, kein Identitätsnachweis. Einfach nichts ist vorgesehen, um da den Zugriff, der auch das Schreiben und Löschen in der ePA beinhaltet, weiter zu sichern.

Genauso wird demonstriert, wie leicht es auf mehreren Wegen ist, sich die Rechte von Leistungserbringer*innen (in der Regel also Praxen) zu verschaffen und damit Zugriff auf die Akten aller Patient*innen der vergangenen 90 Tage. Die der vollständigen Akten übrigens, da sich in der Verwaltung der ePA ja nicht granular unterscheiden lässt, welche Ärzt*innen welche Unterlagen bekommen.

Drittens wird demonstriert wie leicht es ist, sich den Zugang zu den ePAs beim Versicherungsstammdatendienst zu erschleichen. 70 Millionen Akten auf einen Schlag.

Insgesamt weisen Kastl und Tschirsich also mehrere Wege nach, auf denen Stand Mitte Dezember der unbefugte Zugriff auf theoretisch alle elektronischen Patientenakten möglich ist. Was soll man dazu noch sagen außer: Opt out!

oben im Bild: am Ende des Regenbogens liegt die sichere ePA

Winterfest

Das Faszinierende an politisch motivierter Repression ist, wie unbemerkt sie oft stattfindet. Ich glaube es ist in der allgemeinen Öffentlichkeit gänzlich unbekannt, erstens mit welcher Härte die Polizei schon immer gegen alles Linke (vermeintlich „linksextremistische“) vorgeht und zweitens, welche Ausmaße das auch im weiteren Umfeld der eigentlichen Zielpersonen annehmen kann. Der Verfolgungsdruck steigt ja ins geradezu Unermessliche, wenn kriminelle oder terroristische Vereinigung unterstellt wird. Umso verdienstvoller ist, dass die taz gelegentlich Raum gibt für eine etwas ausführlichere Berichterstattung.

Die Tage erst erschien ein recht breit angelegtes Stück über die völlig überzogenen Maßnahmen bezüglich des Budapest-Antifa-Komplexes. Obacht beim Lesen, schon der Einstieg ist recht grafisch. Bezüge werden auch zur Klimabewegung hergestellt, deren Aktive ja ebenfalls einer Kriminalisierung ausgesetzt sind, die in keinerlei Verhältnis steht zu den jeweiligen Aktionsformen.

Was besonders erschreckt, sind die angedeuteten Ermüdungs- und Resignationserscheinungen. Leipzig zum Beispiel: „Menschen, die sich vorher grüßten und guten Kontakt hatten, taten plötzlich so, als würden sie sich nicht kennen.“ Diese unter dem Druck sich verstärkende Vereinzelung ist ja das genaue Gegenteil dessen, was man sich als Reaktion wünschen würde. Aber so ist das leider, wenn schon die lose Bekanntschaft zu bestimmten Personen genügt, um dergestalt ins Visier zu geraten, dass man sich mal 4.30 Uhr morgens einer rabiaten Hausdurchsuchung gegenübersieht. Da wird Distanzierung jetzt nicht die völlig unverständlichste Vorbeugemaßnahme sein. Solidarität hat ihren Preis – und man sollte vorsichtig mit dem Urteil darüber sein, welche Gründe den gegebenenfalls zu hoch erscheinen lassen. Die Perspektive wird ja auch nicht unbedingt besser.

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Ein sehr interessantes Gespräch mit Jeanette Hofmann, Professorin für Internetpolitik an der FU Berlin, hat das Weizenbaum-Institut veröffentlicht. Ganz ohne Umschweife ordnet sie den ganzen Desinformations-Kladderadatsch als das ein was es ist: Politisches Handeln zur Mobilisierung und nicht primär ein Werkzeug zur Manipulation: „Die offen zur Schau getragene Gleichgültigkeit gegenüber dem Wahrheitsgehalt von Informationen ist […} weniger Unkenntnis als eine politische Verortung. Und die Idee des Fact-Checking oder De-Bunkings übersieht diese Qualität.“

Dessen ungeachtet wird fleißig weiter gefactcheck und entlarvt. Manchmal wird vielleicht kurz innegehalten und sich gewundert, warum das so kunstvoll mit dem journalistischen Florett erlegte Lügenmonster immer wieder aufsteht. Aber irgendwie folgt nichts aus diesem Moment der Irritation. Man möchte eben weiterhin objektiv über den Dingen stehen. Manchmal frage ich mich, ob mein früherer Berufsstand die Welt, die er zu beschreiben vorgibt, je verstanden hat. Wenn ich an all die Gesprächsrunden und Konferenzen denke, erinnere ich mich vor allem an durch keinerlei Empirie begründbare Selbstgewissheit, die mir oft als Ausdruck von Hilflosigkeit erschien. Gelegentlich war sie sogar nur eine seltsame Bockigkeit gegenüber der von den gelernten Regeln abweichenden Realität.

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Dankbar sein kann ich mal wieder Frédéric Valin für einen Hinweis. Und zwar im nd auf auf „Das Schweigen meines Vaters“ von Mauricio Rosencof, erschienen bei Assoziation A. Obwohl bei den einschlägigen Medien recht breit rezipiert, wär mir das evtl. durchgerutscht. Der Tupamaros-Veteran und Dichter Rosencof nähert sich in der fragmentarischen Erzählung vor dem Hintergrund seiner eigenen barbarischen langjährigen Haft der Geschichte seiner aus dem polnischen Shtetl stammenden Familie. Der Vater, und etwas später Mutter und Bruder, waren noch einige Jahre vorm deutschen Überfall auf Polen ausgewandert. Die meisten Verwandten wurden ermordet.

Was mir neben all den Dingen, die Valin zum Werk bemerkt, noch sehr stark aufgefallen ist: die zärtliche Humanität die das Buch durchzieht. Das mag ein wenig kitschig klingen, aber mir leuchtet da immer wieder in Bildern von Verbundenheit und Widerstand eine tief empfundene Menschlichkeit entgegen. Die wiegt umso stärker, weil sie gegen die schonungslosen Szenen aus der Vernichtungsmaschinerie steht. Keine Sorge, das Buch halluziniert keine falsche Hoffnung im Angesicht von Auschwitz. Das Leben kann nicht schön sein, wenn es an die Rampe von Birkenau gezwungen wird.

So lange aber jemand erzählt – so erzählt wie Rosencof – ist das Leben immerhin noch hier.

Packpapier

Was Seesslen in der taz zum Verschwinden der der gedruckten Zeitung schreibt, beschäftigt mich jetzt schon ein paar Tage. Ich möchte die ganze Zeit widersprechen, bin aber unschlüssig, worauf eigentlich. Entweder durchdringe ich den Text nicht so richtig oder er ist für Seesslens Verhältnisse einfach ungewöhnlich argumentiert. Üblichererweise ist das bei ihm doch immer ziemlich deutlich. Mäandernd bisweilen, ja, aber am Ende doch recht unmissverständlich durchgetaktet. Stoff zum drüber nachdenken, dran reiben. Klar und nüchtern hergeleitete Gedanken eben.

Hier aber lese ich eine ungewohnte Sentimentalität raus, die sich, wie es in ihrer Natur liegt, aus sich selbst heraus begründet und deshalb keiner weiteren Erläuterung bedarf. Oder übersehe ich was? Vielleicht fehlt mir aber auch einfach der Bezug zur Zeitung als papiernes Objekt. Ich hatte früher Abos, fand es auch ein ganz erhebend, das erste Mal so eine Zeitung mit einem Text von mir drin in der Hand zu haben. Aber, dass ich die Kulturtechnik vermissen würde, die „Rituale des Alltagslebens“, die Beobachtung „wie einer faltet, die andere hinlegt“ usw, kann ich nicht sagen.

Funny enough, ich halte die Einstellung gedruckter Zeitung ganz generell trotzdem für einen Fehler, aber nicht, weil die Nachrichten beim Übergang in ein anderes medium „ihr Wesen verändern“ (eine Charakterisierung des Prozesses die ich, nebenbei, nachvollziehen kann). Es scheint mir nur eher eine Fortsetzung des verlegerischen Missverständnisses in der Einordnung des eigenen Geschäfts. Eine Art Trotz fast. „Nee, jetzt nicht mehr gedruckt. Ätsch“. Während die Verlage nämlich den digitalen Bereich zunächst nur auf sein Marketingpotential hin abgeklopft haben und dabei über Jahre, Jahrzehnte, nichts von den journalistischen Möglichkeiten im Netz begriffen, scheinen sie nun das Marketingpotential der Printausgaben zu unterschätzen.

Selbstverständlich bringt eine gedruckte Zeitung ab einem bestimmten Punkt (Rückgang Abos, Werbung / Anstieg Druck-, Papier- und Vertriebskosten) keinen unmittelbaren Gewinn mehr. Das konnten sich selbst mäßig begabte Verleger schon vor einer ganzen Weile selber ausrechnen. In der Öffentlichkeit sichtbar zu sein, sei es an Kioskauslagen, sei es an diesen unpraktischen Zeitungshaltern in Cafés, kommuniziert aber die Marke in eine Sphäre, die sowohl von digital natives, als auch von den sentimentalen Kulturtechnikern gelegentlich betreten wird. Das spannende an so einem Marketing ist, dass die Maßnahme zur Steigerung der Wahrnehmung sich immerhin zum Teil direkt selber finanziert: durch Abos und Verkauf. Und es ist eine Form der Werbung, die mE nicht ganz so gehasst wird, wie blinkende Banner auf Webseiten oder über den unmittelbaren Werbezweck hinaus so nutzlos ist wie Plakate an Litfaßsäulen. Aber egal.

Anlass für den Seesslens Text war ja eventuell die Ankündigung der taz, im Oktober 2025 das tägliche Print einzustellen. Die Wochenendausgabe und der Onlinebetrieb sollen bleiben. Ich weiß, die Sprachregelung bei dieser „Seitenwende“ (ich hoffe, das ist selbst ausgedacht und nicht zu viel Geld für ne Agentur bei drauf gegangen) ist, dass man damit ganz vorne dran sei an der Entwicklung der Branche. Was Quatsch ist. Eine Wochenzeitung mit angeschlossenem aktuellem Onlinebetrieb ist schließlich schon ein etwas älteres Konzept. Ich glaube ich hab davon das erste Mal vor bald 30 Jahren gehört. Aber auch das ist egal.

Nicht egal ist Seesslens These, dass eine bestimmte Form ziviler und demokratischer Debatte und Öffentlichkeit an ein bestimmtes Medium, die papierne Zeitung, gebunden ist. „Behauptung“ sage ich deshalb, weil die Hauptaussage „Die Zeitungen sterben, der Demokratie geht es auch nicht besonders. Vielleicht hat das eine doch etwas mit dem anderen zu tun.“ eine Koinzidenz vielleicht ganz richtig beobachtet. Die Kausalität aber wird mir nicht hinreichend begründet. Und ich glaube, das ist es auch was mich stört. Dass das, was der Ausgangspunkt einer Überlegung sein könnte, zumindest bei diesem Text ihr Abschluss ist. Vielleicht will ich ja gar nicht widersprechen, sondern würde nur gerne mehr erfahren.

Hereinspaziert [mit Update]

Die Beschleunigung ist bemerkenswert. Ohne Rücksicht. Von 30 auf 50, auf 100, auf Orkan. Ja, wer aufbauen will, muss mobilisieren, verhandeln, Kompromisse eingehen. Jeder Schritt vorwärts bremst gleichzeitig die Bewegung aus. Dem Zerstörungwerk aber ist eigen, dass es keiner großen Verabredung bedarf. Es muss nicht jeder Funke zünden. Es genügt, wenn alle ein bisschen kokeln. Muss gar nicht doll sein, Hauptsache am Ende brennts schön. (Glut und Gut und Glut und Glut und Glut…)

Besonders frustrierend ist das völlige Versagen von solch hochdotierten Kulturmanager*innen: „Als Festival wollen wir uns nicht positionieren, wir möchten für Austausch, Kommunikation, Dialog da sein.“, antwortet die Chefin der Berlinale auf die Kritik an der Einladung von Rechtsextremen. Und schämt sich dabei nicht genug, um wenigstens diesen Unfall einer Stellungnahme aus einem auch ansonsten bizarr selbstmitleidigen Interview nicht freizugeben. Ihre Chefin, die Kulturstaatsministerin deckt ihr den Rücken für diese Shitshow. Es gibt anscheinend keine Institution liberaler Bürgerlichkeit, die dem kommenden Faschismus mehr entgegensetzen möchte als ein bedauerndes Lächeln vorm weit aufgesperrten Scheunentor. Na denn: Hereinspaziert!

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Im Zuge des Traktor-Defilees der westelbischen Junker (c) @kubia) kam hie und da der Hinweis auf Fallada. Tatsächlich ein guter Anlass, „Bauern, Bonzen und Bomben“ zu lesen. Ein ganz wunderbares Buch. Mitreißende Charaktere, die fast filmischen Szenenaufbauten, die lebendigen Dialoge, die klugen Beobachtungen und schlüssigen Konstruktionen der Ränkespiele. Ich war hingerissen.

Tucholsky bemerkte in seiner Besprechung 1931 ganz treffend, dass die Bauern etwas zu kurz kommen in dem Buch und es sich eher um einen Kleinstadtroman handele. Mit dem Blick dieser Kleinstadt und seiner Elite aber wird der Konflikt vor allem in der Rückschau von bald hundert Jahren bedrohlicher, als er damals vielleicht schon scheinen wollte.

Henning erklärte eifrig: „Ich habe mir alles überlegt. Das Fahnentuch ist schwarz. Das ist das Zeichen unserer Trauer über diese Judenrepublik. Drin ist ein weißer Pflug: Symbol unserer friedlichen Arbeit. Aber, daß wir auch wehrhaft sein können: ein rotes Schwert. Alles zusammen die alten Farben: Schwarzweißrot.“

„Bauern, Bonzen und Bomben“, Hans Fallada

Immerhin sind die Figuren so lebendig, dass es kaum anders geht, als sich vorzustellen, wo sie wohl vier-fünf Jahre nach der beschriebenen Handlung sein würden. Da hat der zum Schriftsteller gewandelte Journalist Fallada vielleicht mehr gesehen, als ihm selbst bewusst war. Der klügere Tucholsky schwankte denn auch im Urteil zwischen Kritik und Bewunderung: „…es ist so unheimlich echt, dass es einem graut.“

***

Gewiss, Geschichte wiederholt sich nicht. Das aber zunächst auch nur deshalb, weil sich die immer selben Fehler eben nicht zur exakt gleichen Summe aufaddieren, auch wenn sie immer aufs neue begangen werden. Und gnadenlos neu aufgeführt wird der immer selbe Zirkus auf jeden Fall. Sozialdemokratische Innenminister*innen werden in diesem Universum einfach nichts mehr dazu lernen, ganz zu schweigen von einer Kulturbürokratie, die ohne eigene Position irgendwelchen Austausch zu führen wünscht.

Die entscheidende Frage ist deshalb, wie viele andere mit dem Informationsvorsprung gegenüber Fallada und Tucholsky etwas anfangen können und den ganzen Fehlern angemessene Korrekturen entgegenstellen werden. Und wieviel Zeit für Mobilisierung, Verhandlung und Kompromiss im beschleunigt sich verengenden Möglichkeitsraum noch verbleibt.

[Update, 8. Feburar 2024: Die Berlinale hat die AfD-Leute wieder ausgeladen. Dass es den Mitarbeiter*innen des Festivals gelungen ist, ihre Chefs doch noch zum Jagen zu tragen, ist ein sehr großer und gar nicht selbstverständlicher Erfolg und ein gelungenes Beispiel dafür, mit welcher Kraft und Geduld an allen Ecken und Enden interveniert werden muss.]

Bild oben: Die Stiefel sind Zeichen der Bauernproteste. Zu finden dieser Tage an vielen Ortsschildern im Havelland. An einigen fanden sich auch stilisierte rote Schwerter aufgemalt oder geklebt. Wie auf dem Banner der u.a. in Falladas Buch beschriebenen Landvolkbewegung.

Was fehlt

Ach, ich wollte mich so aufregen. Über einen früheren Arbeitgeber. Die Gründe sind gut genug, der Anlass aber nicht. Denn drauf gekommen bin ich, weil ich dreimal in ebenso vielen Wochen nah dran war (mehr als in den letzten drei Jahren zusammengenommen). Zwei Abschiedsfeiern dort, eine Reunion dazu.

Denn was soll das. Ich vermisse Menschen von da und habe mich gefreut, sie wiederzusehen. Was kümmert es mich also Jahre nach meinem Weggang, dass der Laden so ein Scheiß ist? Tja, eben.

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Der verdiente Zitatgeber des Volkes, Frédéric Valin, schrieb mal irgendwo, dass es ihm gut tue, die Publikationen für die er schreibe nicht mehr zu lesen.

Viel besser lässt sich die Irrelevanz diverser linker oder pseudolinker Organe nicht zusammenfassen. So eine Art professional Facebook: Man schreibt was rein, bekommt immerhin 12,50 Euro dafür, liest den andern Kram aber besser nicht, sind eh alles Idioten.

Warum also überhaupt noch publizieren? Die Faschisten werden nicht mit der spitzen Feder aufgehalten. Außerdem ist die Zeit zu kurz, mit den andern 12,50-Nichtsnutzen darüber zu diskutieren, ab wie viel Punkten auf der Adolfskala man sich auch handgreiflich wehren darf. Aber irgendjemand muss natürlich die „Art und Weise“ anprangern, in der Widerständigkeit sich findet. Lina soll also Nazis weh getan haben. Hmm, ich bin sehr entschieden gegen Gewalt und genau deshalb hat diese mir ansonsten gänzlich unbekannte junge Frau meine Solidarität.

[jetzt bloß nicht schwach werden, keinen Unsinn verlinken]

***

Das ist das Internet, das angeblich nichts vergisst. Ich finde die besten Texte nicht mehr. Nicht von Freund*innen, nicht von Bekannten, nicht von verschämt Verehrten. Nicht den über die Emos von M. (der sich verpisst hat), nicht das Stück übers sich selber Wegschreiben von B. (den ich fragen kann, ob ers noch irgendwo hat).

Ich hatte keine so rechte Vorstellung, was das alles soll mit diesem Netz, aber ich mochte das, wollte Teil davon sein. Das war anstrengend.

Es geht mir viel besser heute, weil ich weiß was fehlt. Die Suche wird deshalb nicht leichter.