Lebensmitte

Grad erinnere ich mich an zwei für mein Leben wichtige Dinge, die ich in Leipzig gelernt habe. Das zweite wird, dem Zwang zur müden Pointe gehorchend, ganz am Ende dieses Textes mitgeteilt. Das erste aber, das ich lernen durfte, war, dass ich (mit freundlicher Hilfestellung) eine plastische Idee davon bekommen habe, was ein liminaler Raum ist. Das Konzept des Liminalen schien mir zumindest eine Zeitlang ein beliebtes Steckenpferd bei Leuten zu sein, die mir eine Spur zu klug waren. Die Gang zu der ich gerne gehören wollte, die aber in Chiffren sprach, die mir halb verschlossen blieben.

Halb, weil ich durchaus nachschlagen konnte, was die verwendeten Vokabeln und zitierten Autoren (seltener Autorinnen) wohl bedeuten sollten, ich aber trotzdem den Schritt in den Bannkreis dieser wundersamen Welt aus mir unerklärlichen Gründen nicht vollziehen konnte. Meine Reaktion darauf war eine teils theatralische Abwehr. Sollten diese Snobs ihre langweilige Party doch alleine feiern. Und so konnte und wollte ich mir partout nicht merken, was zum Beispiel dieses „liminal“ eigentlich bedeuten sollte.

Bis K. vor nicht allzu langer Zeit irgendwo in Ufernähe der unendlich plätschernden, vorm Hauptbahnhof entspringenden Fußgängerzone mit der Begeisterung des engagierten Bergführers kurz vorm nächsten dramatischen Ausblick über eine Passhöhe auf einen etwas unscheinbaren verglasten Eingangsbereich zu einer Einkaufspassage wies und ausrief: „Das ist mein liebster liminaler Ort in Leipzig“ Und als wir dem Eingeständnis meiner Ignoranz folgend, gleich darauf in diesem Eingang standen, begann ich zu verstehen, was wohl gemeint sein könnte.

Während der größere, auf der einen Seite durch eine pseudomarmorierte Mauer begrenzte Teil des gläsernen Vorbaus in permanenter Bewegung war, von durch schwingende Türen eintretende und hinaus eilende Menschen, befanden wir uns auf der anderen Seite in völliger Stille. Ebenfalls von Glas und Mauer umschlossen, war da ein Raum, der nur in eine Richtung betreten, aber nirgendwohin durchschritten werden konnte und auch sonst keine Funktion zu haben schien. Kein Vorraum für irgendetwas. Da komplett einsehbar und nach außen gerichtet, nicht einmal als Abstellraum nutzbar. Lediglich transparentes und unbeachtetes Nebengelass eines Durchgangs. Überbautes Nichts.

Mein erster liminaler Raum. Ok.

Einkaufszentren (oder auch: Malls) scheinen ganz generell diese Liminalität als verborgenen Kern mit sich zu führen. Im wundervollen Newsletter „Linkfest“ von Clive Thompson wird auf einen Bericht zur „Liminal Assembly“ verwiesen, die durch aufgegeben Malls in Toronto führt. Orte, in denen der Verlust des kommerziellen Pulses einen ziellosen Zwischenzustand erzeugt hat, der ästhetisch wahrscheinlich ansprechender als der unserer kleinen Leipziger Glaskammer, dennoch eindeutig mit ihr verwandt ist. Passend dazu macht Thompson noch auf ein nun auch schon wieder ein paar Jahre altes Retro-Videospiel aufmerksam, dass ein Reddit-Mem über liminale, weil verlassene Büroräume, als Inspiration nutzte.

Während mir andere Internetphänomene schwerer erklärlich sind, schien mir seit der Leipziger Erfahrung der Grund für die Begeisterung angesichts liminaler Räume auf der Hand zu liegen. Sind sie doch Stein (und Glas) gewordene Symbole eines ohnehin weit verbreiteten Lebensgefühl des zweck-los Seins, des Nicht-Ankommen-könnens.

Was für eine schöne Entdeckung war es dann, als ich doch noch mal nachschlug und lernte, dass da eine Henne das Ei ins Nirgendwo gelegt hatte und nicht umgekehrt. Stammt die Terminologie eben nicht aus Ästhetik oder Architektur, sondern, wie selbst ich Spätzünder endlich erfahren durfte, aus der Ethnologie. Ich will hier übrigens keine falschen Hoffnungen wecken. Die Abschlusspointe auf die wir alle weiterhin warten müssen – wir erinnern uns, die zweite Sache, die ich in Leipzig gelernt habe – ist wirklich kein großer Brüller. Nur ein kleines lokal gefärbtes, antiklimaktisches… ach, egal, wir kommen schon irgendwie an.

Liminalität bezeichnet also, sehr kurz gefasst, einen nicht eindeutigen Schwellenzustand, wie zum Beispiel den, unmittelbar vor Eintritt ins Erwachsenenleben. Das nicht-mehr und noch-nicht eines Übergangs. Entscheidend ist dabei nicht die Zweck- und Ziellosigkeit, sondern ganz im Gegenteil das zwar noch ungeklärte, aber im Wortsinne viel-versprechende Potential dieses Zustandes. Üblicherweise über ein starkes Inititationsritual wird dieses Potential in die Hände des/der nun neu Erwachsenen gelegt. Statt also eine Ästhetik des Verfalls oder wohlig verstörender Leere, böte Liminalität eine Bewusstmachung der Unsicherheit, ja, aber eben auch einer Fülle an möglichen Fortgängen. Noch-nicht-sein bedeutet, noch sehr viel werden zu können. Da möchte man glatt noch mal liminale 15 sein, nicht wahr.

Wir trauern schließlich nicht vordringlich der etwas strafferen Haut der Jugend nach, sondern der sich angebahnt habenden Zukunft, die je nach Generation und individueller Konstitution bedrohlich oder verheißungsvoll, in jedem Fall aber geradezu unendlich erschien. Keine Feuchtigkeitscreme holt die aufregende Ungewissheit jener Jahre zurück.

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Der morbide Charme der verlassenen Einkaufstempel nun ist nicht einfach nur hübsch anzuschauen. Menschen mit etwas mehr Fantasie und einem mindestens unbewusst bestehenden funktionalen Zugang zum Konzept der Liminalität, füllen diese Räume mit sehr konkreten Ideen – und wenn man sie ließe, wohl auch mit Leben. In Berlin heißt sowas dann „Shoppingmalls zu Sorgezentren“ – da ist es dann plötzlich vorbei mit der introspektiven Betrachtung zerbröselnder Infrastruktur des Konsums.1 Statt dessen wird eine Fülle an möglichen Zukünften gesehen und auch angegangen.

Der liminale Raum wird also seiner Bestimmung zugeführt, einem Sein, das aus Möglichkeiten besteht, die in Gemeinschaft abgewogen und gegebenenfalls zu materieller Wirklichkeit werden. Alleine das Nachdenken über dieses Potential gibt dem Ort einen Zweck. Und zwar einen, der mehr Optionen hat als lediglich den Ursprungsnutzen, mehr oder weniger ästhetischen Verfall und finalen Abriss.

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Sich nicht für immer festlegen zu müssen, willentlich in einen Zustand der Liminalität zurückkehren zu können, empfinde ich als ein Stück ins heute geholter Utopie. Zwischenzustände werden Inkubationsräume eines überraschenden Neuen. Sich tatsächlich neu erfinden können und zwar in jedem Lebensalter, wäre doch der beste Jungbrunnen überhaupt. Statt dessen wird bereits der Möglichkeitsraum der Jugend stark beschränkt. Der Besuch beim Berufsinformationszentrum ist der niederdrückende Initiationsritus ganzer Generationen: „Well, I advise you to get a career“ (Eddie Izzard). Und zwar egal, welche.

DAS nicht sein zu müssen, für einen Augenblick noch von etwas anderem träumen zu dürfen, das ganze Leben auf Snooze stellen zu können, das ist die Anziehungskraft des liminalen Raumes. Letzter Rückzug der um ihr Zukunftsversprechen Betrogenen ins Noch-nicht.

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Meine Rechtschreibkorrektur kennt keinen Plural von Zukunft. Textverarbeitungsprogramme werden nicht zufällig unter der Rubrik „Produktivität“ geführt.

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Wie versprochen, noch die zweite Leipziger Lektion: Als wir aus unseren seltsamen Glaskasten heraustraten, führte K. mich zu einem Würstlstand, an dem es seinem Bekunden nach, „die beste Thüringer Roster“ überhaupt zu essen gäbe. Da lernte ich nach vielen Jahrzehnten gleichgültigen Verzehrs mittel bis mäßigen Produktes, was die Leute immerzu mit dieser blöden Bratwurst hatten. Tatsächlich war jene, aus dem Altenburger Land gleich um die Ecke stammende, eine echte Offenbarung.

  1. Einen knappen, überblickshaften Einstieg ins Thema „Shoppingmalls zu Sorgezentren“ bietet ein Konferenzbericht bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung ↩︎

im Bild oben: Treptower Park Center (Berlin, 2026), Erdgeschoss

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101

Octavia Butler, offenbar keine Anhängerin von Geniekult und göttlicher Inspiration gab jungen Autor*innen eine klare Richtung mit auf den Weg: „Schreib, jeden Tag, ob du es magst oder nicht. Scheiß auf Inspiration.“1 Sie ist gewiss nicht die einzige, die diesen Arbeitsethos anrät, aber ihre Formulierung knackt halt ganz ordentlich und wird also gerne zitiert.

Gewiss, ich habe streckenweise täglich Texte zu Papier gebracht. Das aber nur unter der ständigen Drohung von Deadlines. Das ist ein Druck, dem ich mich rückblickend betrachtet vielleicht nicht ganz zufällig ausgesetzt habe. Extrinsische Motivation. Die sanfte Peitsche der Schlussredaktion. Nicht nichts machen, stattfinden. So entstehen Gebrauchstexte, die selbstverständlich mehr Technik sind als Kunst. An wenigen guten Tagen Kunsthandwerk. Aber bis heute weiß ich nicht, wie das geht: jeden Tag schreiben. Wirklich schreiben.

Dabei wäre genau das doch nötig, um Möglichkeiten zu finden, nicht das immer Gleiche mit nur leicht variierenden Worten zu sagen. Wie so ein Journalismusbot. Nazis raus, Kapitalismus doof, Digitalisierung eine ausbeuterische Vollkatastrophe, KI für die Tonne. Da, 101 Anschläge, fertig.

In der Lesebühnenzeit, vor 20+ Jahren, da gab es so Momente. Auch nicht direkt jeden Tag, nein, aber immerhin manchmal. Und diese kurzen Blitze waren immer durch Kommunikation geprägt. Kurze Kommentare, Kritiken, überraschende Interpretationen anderer Autor*innen. Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist ein anregender, wenn auch bisweilen nur heimlich ausgetragener Wettbewerb. Qualitativ nicht abgehängt werden zu wollen ist kein schlechter Antrieb.

Reibung erzeugt Funken. Mangelnder Austausch ist eines der größeren Probleme des solitären Arbeitens. Und solitär war das, bei allem Krawall, auch in der Redaktion. Da hat kaum jemand mal die Zeit, sich der Alltagshektik selbst für Augenblicke zu entziehen. Es wird im wesentlichen gedruckt, wie’s kommt. Da rede ich übrigens nur von den Gutwilligen. Am unverlangten Textgemetzel mit dem einige andere sich dann wiederum über die Arbeit ihrer Kolleg*innen erheben, übt man eventuell die Konfliktbefähigung, aber nicht grad das Schreiben.

Jetzt, im Hobbysegment angekommen, ist der frühere Druck raus. Neben ein bisschen Befriedigung der Eitelkeit sind da keine tieferen Zwänge, existenzieller Art zumal, dabei. Zurück zu denen will ich sowieso nicht. Aber wie dann weiter und warum? 101 Anschläge… puh.

Der andere dringende Hinweis, den Butler in dem viel zitierten Interview noch gab, war der, dass Schreiben vor allem Lesen heiße. Das stimmt unbedingt. Ich bemerke da einen sowohl langfristigen Effekt, als auch einen unmittelbaren Zusammenhang. Je genauer und bewusster ich lese, umso dialogischer und damit produktiver wird der Prozess.

Vielleicht ist genau das ja der Anfang: Jeden Tag lesen. Richtig lesen. Und das bekomme ich inzwischen sogar schon ganz gut hin, glaube ich. 🙂

im Bild oben: Welche Stadt?

1 – „…write, every day, whether you like it or not. Screw inspiration.“ Octavia Butler, Interview by Randall Kenan, Callaloo, 1991)

Sozialistischer Realismus

Chemnitz ist keine sonderlich schöne Stadt. Das „sächsische Manchester“ muss ja schon in seiner Blütezeit mehr nach Industriearbeit, denn nach Lustwandelei ausgesehen haben und das soll jetzt keine unberufene Romantisierung proletarischer Lebenswelten einleiten. Grönemeyer mochte, wie wir wissen, sein Bochum ganz besonders „vor Arbeit ganz grau“. So warm sind meine Gefühle hier nicht, auch wenn Chemnitz ein Ort meiner Kindheit ist, wahrscheinlich aber kein entschieden prägender.

Meine Erinnerung ist die an eine Brache in der Mitte der Stadt. Das war eine auch in den 1980ern noch unübersehbare Kriegswunde, die nach der Wiedervereinigung denkbar hässlich überbaut wurde durch ein riesiges Parkhaus nebst Einkaufzentrum. Der früher etwas verloren herumstehende, von der fast völligen Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg verschont gebliebene Rote Turm, ist nun zweiseitig von höher aufragenden Wänden der neu erbauten Shopping-Mall umschlossen.

Stehen geblieben nach 1990 ist noch der zentrale Bau aus der DDR, der Stadhallenkomplex und gegenüber der Nischel, wie die Einheimischen den riesigen kupfernen Kopf des zwischenzeitlichen Namenspatrons der Stadt, Karl Marx, auch schon in meiner Kindheit nannten. Die Stadthalle zeigt derweil außen wie innen recht kühne Modernität. Ganz schön monumental, aber durchaus einladend dabei. Das rötliche, aus der Gegend stammende Gestein der Verkleidungen (für Geologieinteressierte: Rochlitzer Porphyr) gibt einen freundlichen rötlichen Grundton. In und um den Bau finden sich einige Kunstwerke, die auch in meinen Schulbüchern besprochen wurden. Das vielleicht bekanntest davon ist Fritz Cremers Galilei.


Bockwurstgeruch begrüßte mich im Foyer, als ich nach einem langen und sehr lehrreichen Tag bei den Chemnitzer Linuxtagen zum Kulturprogramm mit der Familie eilte: Konzert des Sächsischen Sinfonieorchesters Chemnitz e.V. Für mich war das eine Premiere, hatte ich bis zu diesem Abend doch noch kein Amateurorchester spielen hören. Das Programm: Gassenhauer. Rossinis Tell-Ouvertüre (die ganze, nicht nur der Schunkelteil am Ende) rummste ordentlich, dann Klavierkonzert Nr. 1 von Tschaikowsky. Das getragen vor allem von der zugebuchten Solistin. Dann Pause und etwas Angst vor Beethoven 5 im zweiten Teil des Konzerts.

Tatsächlich war der Kopfsatz recht breiig dahingemetzelt, aber irgendwie wurde es ab dem zweiten dann doch besser. Mit drittem und viertem Satz schien das Zusammenspiel dann schließlich wieder erbaulich zu sein. Und während der ganzen Zeit und noch lange danach versuchte ich zu verstehen, warum. Offenbar habe ich da eine kognitive Dissonanz. Beethoven, die Sinfonien zumal, ist nichts für Amateure? Dabei sollte ich genau das doch großartig finden, was ich da gesehen habe, den Zugang zur hohen Kunst vorbei an Geniekult und Perfektionismus.

Schon während des Konzerts der Gedanke, dass die auf der Bühne den Beethoven erleben, wie ich es gar nicht könnte. Nicht einfach nur konsumieren, selber heranwagen, im Zweifelsfall scheitern. Auf jeden Fall mittendrin. Später dann, weil es mich nicht loslässt, erweitert sich das um die Überlegung, dass Aneignung eben auch delegiert erfolgen kann. Das geschieht aber nur dann überzeugend, wenn die Proxies nahbar sind; mir ebenbürtig.

Wenn das glaubwürdig gelingt, wird Spezialisierung oder Arbeitsteilung vom Trennenden zum Verbindenden. Die da oben sitzen, tun das nicht, weil sie etwas besseres sind, sondern weil sie das Beste unseres Gemeinsamen präsentieren. Dann bin ich nicht mehr einfach nur passives Publikum, sondern Teil der Aufführung. Mag sein, dass das Orchester in der Chemnitzer Stadthalle gar nicht „besser“ wurde im zweiten Satz der 5. Sinfonie. Eventuell habe ich nur einfach besser zugehört. Anders. Teilnehmend. „Wer wohnt schon in Düsseldorf…“ Ja, danke Herbert.

im Bild oben: Blick auf die Bühne der Stadthalle Chemnitz

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Lässig bleiben

In den letzten Monaten hab ich hier ja immer mal wieder ein paar Gedanken zu dem ganzen Lichtenhagen/Baseballschlägerjahre-Komplex, zu Erinnerung und Angst notiert. In der nachfolgenden Geschichte verlässt das ein bisschen die abstrakte Ebene und wird etwas konkreter. Das nur als Triggerwarnung vorneweg.

Die Plattenbauviertel des Rostocker Nordwestens liegen beidseitig der S-Bahntrasse aufgereiht wie Burgen, mit ihren Wällen und Türmen aus Beton. Von Süden geschaut zeigen sich links erst die Hochhäuser von Evershagen und Lütten-Klein. Danach kommt Lichtenhagen, bevor unattraktive Leere bis an den Badeort Warnemünde reicht. Rechts versetzt gegenüber liegen Schmarl und Groß-Klein. Die Haltepunkt der S-Bahn sind durchgängig auf links benannt. Das ist der früheren Fertigstellung jener Viertel geschuldet. Ortsfremde auf der Durchfahrt denken aber sowieso zumeist, dass das alles eins sei.

Die Straßen hier waren in den frühen 1990ern recht sicher. Im Vergleich mit Dierkow und Toitenwinkel jedenfalls. Die jüngsten Neubauviertel der DDR waren das, im Nordosten der Stadt gelegen, auf der anderen Seite der Warnow. Zumindest hielt sich westseitig hartnäckig das Gerücht, dass es da drüben besonders gefährlich sei. Aber vielleicht war das auch ein wenig so, dass die einen den Splitter im Auge der anderen lediglich eher als den Baseballschläger im eigenen bemerkten. Wer will das heute schon noch nachvollziehen.

Der Bewegungsradius war so oder so beschränkt. Lieber in der eigenen Gegend bleiben, wo die lokalen Schläger schon von Weitem ausgemacht und mögliche Fluchtwege bekannt und erprobt waren. Gelegenheiten, sich in unvertrauteren Betonburgen aufzuhalten, waren nie sonderlich willkommen. Besser die Hölle, die man kennt.

Nun kam es aber vor, nicht zuletzt nachdem dann endlich die Schultypen von POS auf westdeutsches Selektionspuzzle umgestellt waren, dass Bekannt- und Freundschaften sich bildeten über die engen Grenzen der geläufigen Hinterhöfe hinaus. Die Notwendigkeit einer gewissen Mobilität stellte sich ein. Öffentliche Verkehrsmittel waren dabei keine einladende Option: während der Fahrt abgeschlossene Räume ohne Ausgang. Das Fahrrad bot sich an. Das hier ist übrigens nicht die Geschichte, wie du auf dem alten Verbindungsweg wie ein Irrer in die Pedalen getreten bist. Kraftübertragung wie nie zuvor. Und wahrscheinlich nie danach. Du ahntest: Um dein Leben. Als ein paar Wochen später von einem berichtet wurde, der genau an der Stelle ins Koma … da wusstest du.

Hauptsache nicht Toitenwinkel.

Die jugendlichen Kosmopoliten aus unterschiedlichen Ortsteilen trafen sich gerne auf neutralem Boden. Neutral nicht wegen eines übertriebenen Lokalpatriotismus, sie wussten schließlich ganz gut voneinander, was sie jeweils für einen Mist vor der Tür hatten. Neutral eher im Sinne der Distanz zu allem gewohnten, mit dem Wunsch nach einer gewissen Normalität. Tourismus zum Beispiel konnte ein ganz gutes Grundrauschen anbieten, worin einzutauchen prekären Schutz bot. So spielten sie Billard in einer Spielhalle neben dem Kurhaus im Schatten des Hotel Neptun in Warnemünde. Das kam zwar etwas teurer, aber mit dem Fahrrad war ja schon mal das Geld für die S-Bahn gespart. Eine der Aufseherinnen mochte außerdem die drei Jungs und sagte auch nichts, wenn die bei Treffern die Kugeln an den Taschen festhielten und beiseite legten. So reichten die 5 Mark für nominell drei Matches doch länger, als bei ihrem schlechten Spiel ohnehin zu erwarten war.

Diese Geschichte spielt übrigens gar nicht in Warnemünde. Tut mir leid. Das tut mir wirklich sehr leid. Vielleicht hilft es dir ja zu wissen, dass kein Blut fließen wird. Es geht nämlich nicht um die Male, wo sie dich gekriegt haben. Und auch da, seien wir ehrlich, war es keine fernsehtaugliche Splatter-Show. Geschlagen zu werden ist ziemlich unspektakulär. Paar blaue Flecken, bisschen dicke Lippe, verletzter Stolz vielleicht. Vor allem verletzter Stolz.

Nein, diese Geschichte trägt sich in Groß-Klein zu. Das war nie deine Homezone, nicht wahr. Lütten-Klein, Schmarl, mit Abstrichen Lichtenhagen. Deine beiden Freunde aber kamen aus Groß-Klein.

Vielleicht hundert Meter vor möglichen Zielen, des einen oder anderen zu Hause, in Sichtweite des S-Bahn-Haltepunktes Lichtenhagen, steht da dieser leicht angetrunkene Fascho. Den beiden bekannt, dir nicht. Sie grüßen, er will reden. Sie lassen sich drauf ein. Die Hölle, die sie kennen. Die sie jeden Tag navigieren müssen. Was willst du machen? Stehst daneben, während deine Freunde mit dem Nazi plaudern. Man hat dich höflich nuschelnd vorgestellt. Handschlag.

Deine Begleiter gelten als unpolitisch. Das wärst du auch gern gewesen, aber seit du gleich 1990 mit Pali-Tuch durch Schmarl stolziert bist (jaja, nicht sehr klug, auf so vielen Ebenen), ist dieser Zug abgefahren. Dein Ruf als Zecke ist jedoch nicht bis Groß-Klein vorgedrungen. Anderes Viertel halt. Du lenkst schon wieder ab. Worüber plaudern sie denn, deine Freunde und der Nazi?

Es redet vor allem er. Erzählt, wie er kürzlich erst einen Schwulen verprügelt habe. Vielleicht mit anderen zusammen, du registrierst die Details in dem Moment nicht so genau. Aber machen wir uns nichts vor: Ganz sicher mit anderen zusammen. Er ist unzufrieden mit der Prügelei, da der Schwule sich gar nicht gewehrt habe. Und gegrinst habe der die ganze Zeit. Auch als er schon am Boden lag. „Ich hab dem immer wieder in die Fresse getreten und das Drecksgrinsen ging da nicht raus.“ Achte auf deine Körperhaltung. „Immer und immer wieder. Die schwule Sau hat nicht aufgehört zu grinsen.“ Lässig bleiben. Unbeteiligt.

Was du in den Augen von diesem Bekannten deiner Freunde siehst, ist übrigens Mordlust. Nicht mal Hass, einfach nur Spaß an der Sache. Du hast gar keine Zeit, das genau so zu benennen und zu verarbeiten, so sehr bist du mit deiner Angst beschäftigt. Denn du fühlst die Bedrohung durch ihn sehr deutlich. Immerhin eins hast du ihm aber voraus. Anders als er weißt du in dem Moment, dass er dich meint.

Er darf nur die Angst nicht bemerken. Niemand durfte die Angst je bemerken.

Als ihr, deine beiden Freunde und du danach weitergegangen seid, spracht ihr nicht darüber. Worüber auch? Das war ja ein ganz gewöhnlicher, nachbarschaftlicher Plausch, 1992 in Groß-Klein. Die Angst ist dann aber doch eine sehr lange Zeit bei dir geblieben. Tief drinnen vergraben; unter der Angst vor der Angst.

oben im Bild: war nicht alles schlecht in Rostock.

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Der Hölle Rache

Zur Oper gekommen bin ich mit knapp 30 Jahren. Es war nicht das Interesse am Musiktheater, was mich dahin brachte, sondern Geld. Als Aushilfe in der Bühnentechnik, als Kulissenschieber also, hatte ich dann über ein paar Jahre Gelegenheit, mich bezahlt durch den Kanon zu hören und an vorderster Front die These bestätigt zu sehen, dass es sich bei der Oper um eine erstarrte Kunstform handelt, die zwar eine lange Vergangenheit, aber wohl kaum eine nennenswerte Zukunft haben könnte.

Die Staatsoper in Berlin gab (gibt?) sich aber auch wirklich kaum Mühe, irgendwie innovativ aufzufallen. Die hauseigenen Inszenierungen, die ich so sah, waren alle sehr konventionell, sehr gefällig noch dazu. Das war schon die passende Begleitung während nebenan das Kommandantenhaus von Bertelsmann mit pseudo-historischer Fassade hingeklotzt wurde, so wie später das unsägliche Stadtschloss. Diese ganze Guido-Knopp-Architektur fand seine Entsprechung in den bombastischen Bühnenbildern. Die beiden spannendsten Inszenierungen die ich dort sah, waren dementsprechend Gastspiele, eines von Sasha Waltz, eines von Robert Wilson.

Und doch ist da etwas passiert mit mir. Des großen Luxus’, so oft die Staatskapelle hören zu können, war ich mir von Anfang bewusst. Auch wenn ich nichts in Bühnennähe zu tun hatte, nutze ich deshalb Vorstellungsschichten, um möglichst die ganzen Opern zu hören, statt im Casino zu versumpfen.

Hyperpopulär war zu der Zeit die Zauberflöte in der Everding-Inszenierung mit dem „Orginal“-Schinkel-Bühnenbild. Das ist das mit dem legendären Sternenhimmel, vor dem die Königin der Nacht singt. Ich weiß nicht mehr, wer in meiner Zeit dort die Königin gegeben hat, aber das war die Sängerin, deren Stimme einmal durch mich hindurchgefahren ist und die sich wie eine eiskalte Hand um meine Wirbelsäule legte. Da ergreift mich noch immer ein Schauer, wenn ich dran denke. Ich habe der Hölle Rache so oft in ihrem Herzen nicht einfach nur kochen gehört, sondern auch gespürt – nicht schlecht für eine erstarrte Kunstform.

Jahrelang habe ich nach einer Aufnahme gesucht, die auch nur einigermaßen nahe an diese Erfahrung ran kam. Nach vielen nicht überzeugenden Versuchen schien mir letztlich eine Einspielung von Diana Damrau ein hinreichender Näherungswert zu sein. Es ist eben doch etwas anderes, ob man am Bühnenrand, wenige Meter von der Diva entfernt von ihrer Aura eingefangen wird oder die Sache aus der Konserve kommt. Da geht halt immer etwas verloren, dachte ich. Dafür kommt bei Damrau übrigens immer noch mächtig was rüber.

Vor ein paar Tagen, es war so ein Rabbit-hole-Moment, in dem man kurz davor ist, dass gesamte Weltwissen via Wikipedia zu inhalieren, las ich den Eintrag zur zweiten Arie der Königin der Nacht. Dort wird unter Trivia erwähnt, dass das Stück eines der Tondokumente sei, die mit den Voyager-Sonden über die Grenzen des Sonnensystems ausgesandt wurden. Und zwar in einer Aufnahme von Edda Moser mit dem Orchester der bayerischen Staatsoper.

Kann man sich ja mal anhören, dachte ich.

„Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ – Moser packt nicht einfach nur mit der eiskalten Hand zu, nein, ein druckvolles blau-züngelndes Feuer verzehrt alles in ihrer Reichweite. „Tod und Verzweiflung flammet um mich her!“ Was da aus den Lautsprechern kommt, ist genau das. Tod, Verzweiflung, Flammen. Schon beim ersten Mal Hören dachte ich, dass sie allein mit furchtbarer Wut das Orchester vor sich hertreibt und fragte mich, was eigentlich der Dirigent von Beruf ist. „Verstoßen sei auf ewig“.

Ja, und dann liest man zur Entstehung der Aufnahme, dass Edda Moser 1972 bei Ankunft in München erfuhr, dass die Frau des Dirigenten Sawallisch (aus welchen Gründen auch immer) veruchte, sie aus der Produktion zu drängen. Der Produzent setzte sich in Mosers Interesse durch und Sawallisch ließ ihr dann im Studio die Wahl, welche Arie zuerst eingespielt werden solle. Sie wählte Nummer zwei. One-take-Aufnahme. In der Tat Stoff für die Sterne.

Berühren und berührt werden können. Wut scheint eine recht nachdrückliche kreative Kraft in Bewegung zu setzen, denke ich immer öfter. Zumindest dann, wenn sie wie ein Laserstrahl gebündelt jeden Panzer durchbrennt. Ich jedenfalls spreche da sehr gut drauf an.

im Bild oben: Erstarrt und doch irgendwie dynamisch.

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Boß kein Neid

Zwischenzeitlich hatte ich das für mich folgendermaßen sortiert: Als ich P. das erste Mal begegnete, damals in den 90ern, da sah er wirklich extrem gut aus. In späteren Jahren dann eher so, als ob es ihm sehr gut ginge. Aber während ich so auf der Straße saß, zwischen lauter jungen Antifas, die diesen wirklich gut erhaltenen Fuffziger mit vollem Haar anhimmelten, da hörte ich auf, mich anzulügen. P. hatte mir einfach einiges voraus. Und dann noch ein bisschen mehr.

Als Anwalt ist er seiner Sache treu geblieben und berichtete von der Bühne auf der Demo zum Sonnenblumenhaus von seinem Erleben dreißig Jahre zuvor. Relativ kleinteilig schilderte er die Scharmützel um den Versuch, die Nazis aufzuhalten.

Die Absicht, gleich am Anfang die Straße zu übernehmen. Das Pogrom zu beenden, bevor es überhaupt richtig losging. Das Hinundher zwischen den beteiligten Gruppen, die Inkonsequenz. Das Ergebnis ist bekannt. Irgendwann, ich fing tatsächlich beinahe an, mich zu langweilen, unterbrach P. selber seine detaillierten Schilderungen: „Aber warum erzähle ich das alles?“

Während ich grade noch dachte: „Ja genau, warum erzählst du das?“, musste ich mir erläutern lassen, wie wenig, zumindest nach P.s Einschätzung, gefehlt hatte zu einer Situation, in der von Lichtenhagen ein ganz anderes Signal ausgegangen wäre. „Entschlossen und verantwortungsvoll“. Das war sein Mantra, mit dem er die Möglichkeit und daraus folgend die Notwendigkeit gemeinsamen Handelns beschrieb.

Da wurde mir bewusst, dass P. sich tatsächlich als Subjekt der Geschichte sieht. Nicht in narzisstischer Selbstüberhöhung, sondern als Grundvoraussetzung politischer Arbeit. Einfach die Gewissheit, dass sein Handeln (im Konzert mit anderen selbstverständlich), den Lauf der Dinge entscheidend ändern kann. Keine Spur Nihilismus.

Ich hatte bisher nicht die Gelegenheit, ihn zu fragen, ob das intuitiv funktioniert oder ein bewusst gewählter Weg ist, mit der Resignation umzugehen, die ja auch er gelegentlich spüren muss. Eine Handhabe für die Angst, die eigene und die der Menschen, die er zu ermutigen sucht. Ich möchte glauben, dass man damit glücklicher sein kann. Und zielstrebiger.

Es hat noch eine ganze Weile – Jahre geradezu – gedauert, bis mir aufging, dass P.s Herangehensweise ihn ja zuallererst zum Subjekt seiner eigenen Geschichte macht. Das was er tut, nicht das was andere ihm antun, ist das was ihn definiert. Kein Opfer.

Ja selbstverständlich sieht der besser aus. Ist keine Frage der Frisur, ist eine der Haltung. Und da bin ich gleich gar nicht mehr neidisch. Denn das kann ich auch hinkriegen. Sofort Morgen. Bestimmt.

im Bild oben: lauter gut aussehende junge Menschen

Muskelgedächtnis

Das Gespräch war erbaulich gewesen. Ein Wiedersehen nach langer Zeit. Abgleich und Austausch. Erwachsene Routine beim Füllen der Lücken. Samtene Übereinkunft darin, welche Fragen offen bleiben können. Es gibt so Vieles, das im Vagen bleiben muss mit den Vielen, die wir viel zu selten treffen. Wie geht’s denn sonst so? Ach, muss ja.

Also lieber in die Zukunft geschaut. Wir vergleichen die Erwartung an das kommende Jahr. Die politischen Erwartungen, ohje. Was will man denn noch wissen von diesem Land? Welche Geschichten sollen uns noch was erzählen, das nicht längst bekannt wäre? Es ist doch allen klar, was und wer da kommt. Chronistenpflicht, schön und gut, aber darüber hinaus?

Und dann werden wir zügig einig, was wir doch noch hören möchten. Lernen wollen wir von denen, die sich weiterhin dagegen stemmen. Von jenen, die die Verhältnisse nicht als unveränderbar hinzunehmen bereit sind. Eines vor allem will man wissen: Woher zieht ihr eure Kraft?

Eine gute Fragestellung, nicht wahr.

Da träume ich gleich von bewegenden, ermutigenden, und mitreißenden Antworten. Bin ganz beseelt von meiner Fantasie. Allein das powert mich ganz schön hoch.

Erzähle überall gerührt davon. Auch J., schon lange tätig im zivilgesellschaftlichen Bereich, mit guten Kontakten in die Fläche. „Jaja, wir haben die Einrichtungen vor Ort befragt. Einmal, was so auf sie zukommt, angesichts der neuen Mehrheiten, dann woher sie noch ihre Kraft schöpfen, und zuletzt was sie konkret an Hilfe gebrauchen könnten. Die zweite Frage wurde von den meisten übergangen. Einfach nicht beantwortet.“

Einfach nicht beantwortet.

Lassen wir das sacken. Wie so viele nur noch Phantomstrom auf den Batterien haben. Und wenn auch der verflackert ist, geht es trotzdem weiter. Nur nicht denken an den Abgrund, der an jeder Faser, jedem Muskel zieht.

Das wäre vielleicht das zeitgemäße Held*innenepos: eine Geschichte dauerhafter Erschöpfung im Kampf gegen ein Monster, das gierig Unzählige verschlingt. Obwohl das ja in gewisser Weise auch Teil des traditionellen Epos ist. Nur, dass wir für gewöhnlich nicht mit den Verlierern und Verlorenen, sondern auf dem Rücken der Recken reisen, die am Ende strahlen.

Klar, die gute Nachricht ist: Das Monster wird zum Schluß immer besiegt. Das lehren uns die Geschichten. Die Frage ist, zu welchem Preis und wer den Preis bezahlt. Die Knochen der unterwegs Geschlagenen sind zwar häufig präsent in der Erzählung. Aber mehr als Kulisse am Wegesrand, Warnung vor Unvorsicht und Überheblichkeit zum Beispiel.

Was aber, wenn die vielen früh Gefallenen gar nicht hochmütig waren. Sondern einfach nicht mehr wussten, woher sie noch Kraft ziehen sollten und schließlich der Gewalt der Gravitation erlagen. „Es ist die alte Geschichte von Dornröschen: Hunderte Ritter mußten elend im Gestrüpp krepieren, und vor dem einen, dem letzten dann öffnete sich das Tor“, schreibt Franz Fühmann (22 Tage). Aber mussten sie wirklich? Und viel wichtiger, müssen sie immer und immer wieder?

Woher also nehmen wir die Kraft? Aus dem Wissen, dass nicht alles naturgesetzliche Unabänderlichkeit ist, auch wenn es sich bisweilen so anfühlt. Geschichte wird schließlich immer noch gemacht. Das ist keine Drohung. Ganz im Gegenteil.

Reicht diese Erkenntnis aber für die Energiezufuhr? Ach, muss ja. Für den Anfang zumindest. Und für den Fortgang weniger Vagheiten vielleicht; dafür mehr Treffen, Gespräche, Austausch und Abgleich.

Im Bild oben: Das letzte was hundert Ritter sahen.