Lebensmitte

Grad erinnere ich mich an zwei für mein Leben wichtige Dinge, die ich in Leipzig gelernt habe. Das zweite wird, dem Zwang zur müden Pointe gehorchend, ganz am Ende dieses Textes mitgeteilt. Das erste aber, das ich lernen durfte, war, dass ich (mit freundlicher Hilfestellung) eine plastische Idee davon bekommen habe, was ein liminaler Raum ist. Das Konzept des Liminalen schien mir zumindest eine Zeitlang ein beliebtes Steckenpferd bei Leuten zu sein, die mir eine Spur zu klug waren. Die Gang zu der ich gerne gehören wollte, die aber in Chiffren sprach, die mir halb verschlossen blieben.

Halb, weil ich durchaus nachschlagen konnte, was die verwendeten Vokabeln und zitierten Autoren (seltener Autorinnen) wohl bedeuten sollten, ich aber trotzdem den Schritt in den Bannkreis dieser wundersamen Welt aus mir unerklärlichen Gründen nicht vollziehen konnte. Meine Reaktion darauf war eine teils theatralische Abwehr. Sollten diese Snobs ihre langweilige Party doch alleine feiern. Und so konnte und wollte ich mir partout nicht merken, was zum Beispiel dieses „liminal“ eigentlich bedeuten sollte.

Bis K. vor nicht allzu langer Zeit irgendwo in Ufernähe der unendlich plätschernden, vorm Hauptbahnhof entspringenden Fußgängerzone mit der Begeisterung des engagierten Bergführers kurz vorm nächsten dramatischen Ausblick über eine Passhöhe auf einen etwas unscheinbaren verglasten Eingangsbereich zu einer Einkaufspassage wies und ausrief: „Das ist mein liebster liminaler Ort in Leipzig“ Und als wir dem Eingeständnis meiner Ignoranz folgend, gleich darauf in diesem Eingang standen, begann ich zu verstehen, was wohl gemeint sein könnte.

Während der größere, auf der einen Seite durch eine pseudomarmorierte Mauer begrenzte Teil des gläsernen Vorbaus in permanenter Bewegung war, von durch schwingende Türen eintretende und hinaus eilende Menschen, befanden wir uns auf der anderen Seite in völliger Stille. Ebenfalls von Glas und Mauer umschlossen, war da ein Raum, der nur in eine Richtung betreten, aber nirgendwohin durchschritten werden konnte und auch sonst keine Funktion zu haben schien. Kein Vorraum für irgendetwas. Da komplett einsehbar und nach außen gerichtet, nicht einmal als Abstellraum nutzbar. Lediglich transparentes und unbeachtetes Nebengelass eines Durchgangs. Überbautes Nichts.

Mein erster liminaler Raum. Ok.

Einkaufszentren (oder auch: Malls) scheinen ganz generell diese Liminalität als verborgenen Kern mit sich zu führen. Im wundervollen Newsletter „Linkfest“ von Clive Thompson wird auf einen Bericht zur „Liminal Assembly“ verwiesen, die durch aufgegeben Malls in Toronto führt. Orte, in denen der Verlust des kommerziellen Pulses einen ziellosen Zwischenzustand erzeugt hat, der ästhetisch wahrscheinlich ansprechender als der unserer kleinen Leipziger Glaskammer, dennoch eindeutig mit ihr verwandt ist. Passend dazu macht Thompson noch auf ein nun auch schon wieder ein paar Jahre altes Retro-Videospiel aufmerksam, dass ein Reddit-Mem über liminale, weil verlassene Büroräume, als Inspiration nutzte.

Während mir andere Internetphänomene schwerer erklärlich sind, schien mir seit der Leipziger Erfahrung der Grund für die Begeisterung angesichts liminaler Räume auf der Hand zu liegen. Sind sie doch Stein (und Glas) gewordene Symbole eines ohnehin weit verbreiteten Lebensgefühl des zweck-los Seins, des Nicht-Ankommen-könnens.

Was für eine schöne Entdeckung war es dann, als ich doch noch mal nachschlug und lernte, dass da eine Henne das Ei ins Nirgendwo gelegt hatte und nicht umgekehrt. Stammt die Terminologie eben nicht aus Ästhetik oder Architektur, sondern, wie selbst ich Spätzünder endlich erfahren durfte, aus der Ethnologie. Ich will hier übrigens keine falschen Hoffnungen wecken. Die Abschlusspointe auf die wir alle weiterhin warten müssen – wir erinnern uns, die zweite Sache, die ich in Leipzig gelernt habe – ist wirklich kein großer Brüller. Nur ein kleines lokal gefärbtes, antiklimaktisches… ach, egal, wir kommen schon irgendwie an.

Liminalität bezeichnet also, sehr kurz gefasst, einen nicht eindeutigen Schwellenzustand, wie zum Beispiel den, unmittelbar vor Eintritt ins Erwachsenenleben. Das nicht-mehr und noch-nicht eines Übergangs. Entscheidend ist dabei nicht die Zweck- und Ziellosigkeit, sondern ganz im Gegenteil das zwar noch ungeklärte, aber im Wortsinne viel-versprechende Potential dieses Zustandes. Üblicherweise über ein starkes Inititationsritual wird dieses Potential in die Hände des/der nun neu Erwachsenen gelegt. Statt also eine Ästhetik des Verfalls oder wohlig verstörender Leere, böte Liminalität eine Bewusstmachung der Unsicherheit, ja, aber eben auch einer Fülle an möglichen Fortgängen. Noch-nicht-sein bedeutet, noch sehr viel werden zu können. Da möchte man glatt noch mal liminale 15 sein, nicht wahr.

Wir trauern schließlich nicht vordringlich der etwas strafferen Haut der Jugend nach, sondern der sich angebahnt habenden Zukunft, die je nach Generation und individueller Konstitution bedrohlich oder verheißungsvoll, in jedem Fall aber geradezu unendlich erschien. Keine Feuchtigkeitscreme holt die aufregende Ungewissheit jener Jahre zurück.

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Der morbide Charme der verlassenen Einkaufstempel nun ist nicht einfach nur hübsch anzuschauen. Menschen mit etwas mehr Fantasie und einem mindestens unbewusst bestehenden funktionalen Zugang zum Konzept der Liminalität, füllen diese Räume mit sehr konkreten Ideen – und wenn man sie ließe, wohl auch mit Leben. In Berlin heißt sowas dann „Shoppingmalls zu Sorgezentren“ – da ist es dann plötzlich vorbei mit der introspektiven Betrachtung zerbröselnder Infrastruktur des Konsums.1 Statt dessen wird eine Fülle an möglichen Zukünften gesehen und auch angegangen.

Der liminale Raum wird also seiner Bestimmung zugeführt, einem Sein, das aus Möglichkeiten besteht, die in Gemeinschaft abgewogen und gegebenenfalls zu materieller Wirklichkeit werden. Alleine das Nachdenken über dieses Potential gibt dem Ort einen Zweck. Und zwar einen, der mehr Optionen hat als lediglich den Ursprungsnutzen, mehr oder weniger ästhetischen Verfall und finalen Abriss.

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Sich nicht für immer festlegen zu müssen, willentlich in einen Zustand der Liminalität zurückkehren zu können, empfinde ich als ein Stück ins heute geholter Utopie. Zwischenzustände werden Inkubationsräume eines überraschenden Neuen. Sich tatsächlich neu erfinden können und zwar in jedem Lebensalter, wäre doch der beste Jungbrunnen überhaupt. Statt dessen wird bereits der Möglichkeitsraum der Jugend stark beschränkt. Der Besuch beim Berufsinformationszentrum ist der niederdrückende Initiationsritus ganzer Generationen: „Well, I advise you to get a career“ (Eddie Izzard). Und zwar egal, welche.

DAS nicht sein zu müssen, für einen Augenblick noch von etwas anderem träumen zu dürfen, das ganze Leben auf Snooze stellen zu können, das ist die Anziehungskraft des liminalen Raumes. Letzter Rückzug der um ihr Zukunftsversprechen Betrogenen ins Noch-nicht.

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Meine Rechtschreibkorrektur kennt keinen Plural von Zukunft. Textverarbeitungsprogramme werden nicht zufällig unter der Rubrik „Produktivität“ geführt.

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Wie versprochen, noch die zweite Leipziger Lektion: Als wir aus unseren seltsamen Glaskasten heraustraten, führte K. mich zu einem Würstlstand, an dem es seinem Bekunden nach, „die beste Thüringer Roster“ überhaupt zu essen gäbe. Da lernte ich nach vielen Jahrzehnten gleichgültigen Verzehrs mittel bis mäßigen Produktes, was die Leute immerzu mit dieser blöden Bratwurst hatten. Tatsächlich war jene, aus dem Altenburger Land gleich um die Ecke stammende, eine echte Offenbarung.

  1. Einen knappen, überblickshaften Einstieg ins Thema „Shoppingmalls zu Sorgezentren“ bietet ein Konferenzbericht bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung ↩︎

im Bild oben: Treptower Park Center (Berlin, 2026), Erdgeschoss

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Ein Drittel

In der Endphase der DDR, im ersten Quartal 1990, entstand eine dokumentarische Koproduktion der Gruppe „Blick ins Land“ mit dem Titel „Im Glanze dieses Glückes“. Im Rahmen der Retrospektive lief die in diesem Jahr auf der Berlinale. Nun waren die Stücke aus der Retro-Reihe „Lost in the 90ies“ für mich sämtlichst eine Auffrischung beinahe verloren geglaubter Erinnerungsbilder. Zum Teil schlitterte das nahe an Sentimentalität entlang, mit so einem etwas zuckrigen „weeßte noch“ im Ohr, das zB. (und nicht zuletzt) beim Betrachten von Bildern der rumänischen Revolution dann aber ein wenig deplatziert wirkte. Ja klar weeß ick noch. Und sonst?

„Im Glanze dieses Glückes“ setzt ein Mosaik variierender Intensität und Qualität zusammen, folgt einzelnen Protagonist*innen durch die Wirren dieser an umwälzenden Ereignissen so reichen Zeit. Insbesondere wenn die Kamera sehr ruhig und nah an den Personen bleibt, wird eindrucksvoll die zeittypische Überforderung illustriert, aber auch die Mechanismen werden sichtbar, mit denen sie sich einen Reim darauf machen was gerade passiert, mit der Welt, mit den nächsten Menschen, mit sich selbst.

Sehr spannend zu beobachten sind zwei Arbeiter, die in ihrer Werkstatt Teile von Werkzeugmaschinen zur Härtung in einer Art Brennöfen wärmebehandeln. Was mich sehr beeindruckte, war der tiefe Stolz der beiden auf das Handwerk, das selbstbewusste Wissen um die eigenen Fertigkeiten. Dazu wurde aus den reflektierenden Einlassungen beider eine Gewissheit deutlich, dass es besser wäre, wenn der „von den arbeitenden Menschen“ produzierte Mehrwert der Allgemeinheit zu Gute käme und nicht individuellen Profitinteressen. Unmissverständlich ist das Bedauern um das Scheitern dieses Versuches, es besser zu machen.

Die beiden wissen, dass sie wahrscheinlich schon bald nicht mehr gebraucht werden mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen. Dabei präsentieren sie eine ganz natürliche Würde und eine mich überraschende eloquente Aufrichtigkeit, die auch bei anderen Protagonist*innen durchscheint. Das ist entweder der klugen Auswahl der Filmemacher*innen geschuldet oder vielleicht doch Zeugnis eines in der DDR gewachsenen Persönlichkeitstyps. Vor allem aber dieser proletarische, eher stille, gar nicht überheblich auftrumpfende Stolz schien mir etwas so unglaublich wertvolles zu sein, etwas, das seitdem permanent niedergedrückt und entwertet wird. Immer und immer wieder. Etwas, das mit der weiter fortschreitenden Entfremdung und Sinnentleerung der jeweils ausgeübten Tätigkeiten, mit denen die Zeit zum Geldverdienen eben so vergeudet wird, kaum wieder entstehen kann und auch gar nicht entstehen soll.

Klassenbewusstsein ist ja nicht nur eines von der Differenz, sondern eines vom eigenen Wert. Vielleicht sogar zuallererst vom Wert. Denn erst auf dessen Grundlage lässt sich doch Ungerechtigkeit plausibel beschreiben und letztlich dagegen aufbegehren.*

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An sowas muss ich denken, wenn meine Gewerkschaft den Kolleg*innen einen Tarifabschluss zur Annahme empfiehlt, der in seiner Laufzeit von 27 Monaten durchaus zu einem Reallohnverlust führen könnte. Gleichzeitig werden im verdi-Newsletter Empfehlungen für die private Altersvorsorge und den Aufbau von Eigenkapital per Bausparvertrag abgegeben, Mitgliedervorteilsangebote inklusive. Bankrotte Drückerkolonne mit roten Trillerpfeifen.

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Ein außergewöhnliches Stück Zeitgeschichte bei „Im Glanze dieses Glückes“ ist noch das Interview mit einem Stasi-Psychologen**. Dessen völlig verzerrtes Selbstbild und seine sensationell naive Unbeholfenheit bringen Regisseurin Tamara Trampe so dermaßen auf die Palme, dass sie die Position hinter der Kamera verlässt und den Mann ziemlich ungehalten und sehr präzise mit der Bizarrheit seiner seltsam hilflosen Verbohrtheit konfrontiert. Filmisch sehr geschickt gemacht hat sie anschließend die Szene für sich allein, um kurz zu erklären, was da eigentlich passiert ist, was ihr Problem war.

Und alles was sie an Ärger über sich selbst und diesen Berufsmanipulator zu sagen hat, ist richtig und wichtig. Am schwersten aber wiegt ihr Vorwurf an ihn und seinesgleichen, dass jene widerliche Karikatur einer gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Alternative zum Kapitalismus jeden Gedanken an einen neuen sozialistischen Versuch für mindestens hundert Jahre unmöglich gemacht habe.

Hundert Jahre.

Immerhin, ein Drittel der Zeit ist schon um.


*Eine Schwäche dieser Konstruktion ist, dass der Wert tatsächlich oft genug ausschließlich über Arbeit und Arbeitsfähigkeit definiert wurde, was eine riesige Leerstelle erzeugt, sowohl ethisch, als auch politisch-strategisch. Das aber ist eine ganz eigene Betrachtung wert.

**Den Offizier, Jochen Girke, besuchte Trampe kurz darauf erneut mit der Kamera und drehte über ihn einen kompletten abendfüllenden Dokumentarfilm, „Der schwarze Kasten“, der bei der Bundeszentrale für politische Bildung abrufbar ist. Bei Erscheinen, 1992, gab es in der taz eine ganz wunderbare Rezension von Dietmar Hochmuth, in der auch ein paar nachvollziehbare Watschen gegen den Ursprungsfilm verteilt werden.

im Bild oben: Die fotogene Treppe im Haus am Kleistpark mit einem Kurzgedicht von Boris Lurie

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Ein einfacher Vorsatz

Wie meistens komme ich erst nach Abschluss des Chaos Communication Congress‘ dazu, mir einige der Talks dort anzuschauen. Diesmal wird es sicher noch mindestens eine Woche dauern, bis ich loslegen kann. Ausnahme ist der Vortrag von Bianca Kastl und Martin Tschirsich zur Elektronischen Patientenakte.

Die knappe Zusammenfassung? Es ist einfach unfassbar, was da in gerade mal zwei Wochen in die freie Wildbahn entlassen wird (zunächst in einigen Testregionen, ab Mitte Februar dann deutschlandweit für alle, die nicht widersprochen haben). Falls Sie es nicht schon getan haben, der dringende Rat: Opt out! Ernsthaft, man kann daran nicht teilnehmen. Ich weiß schon, „nix zu verbergen“, aber Gesundheitsdaten?

Die sollten schon sehr sicher aufbewahrt werden und der Zugriff dürfte nur unter besonders strikter Kontrolle möglich sein. Wenn die Daten einmal draußen sind, lässt sich das nie wieder einfangen. Hepatitis C? Wissen dann alle, die es wissen wollen. Rezept für ein Duloxetin-Präparat? Bingo. Hämorrhoidenleiden? Glückwunsch.

Selbstverständlich ist die digitale Akte eine gute Idee, aber die Umsetzung scheint so dramatisch unsicher, das es schon erschütternd ist, dass es medial nicht mehr dazu gibt, als ein paar laue Servicestücke. Gerade erst beim rbb, wo zum Datenschutz lapidar festgestellt wird: „Ein Risiko von Datenklau und Hackerangriffen besteht im digitalen Raum allerdings immer, die Nutzung solcher Technologien bleibt also auch immer eine persönliche Abwägung.“

Die von Kastl und Tschirsich in ihrem Vortrag beschriebenen Angriffe sind dermaßen trivial in der Durchführung, dass schon nicht mehr von einfachen Schwachstellen und dem unvermeidlichen Restrisiko die Rede sein kann. Die beschriebene Infrastruktur scheint von Grund auf nicht geeignet zu sein, auch nur basale Anforderungen an die Sicherheit der überaus sensiblen Daten zu gewährleisten. Das ist eine Information, die ganz hilfreich für die persönliche Abwägung sein könnte. Aber ok.

Es geht dabei noch nicht mal um die schon lange bekannten obskuren Wege, auf denen die individuellen Daten nur pseudonymisiert (also bei Kenntnis des geeigneten Schlüssel zurückverfolgbar) statt anonymisiert für „Forschung“ gesammelt werden sollen. Forschung in Anführungszeichen, da Karl Lauterbach schon stolz eine Kooperation mit Google, Facebook und OpenAI avisiert. Was soll da schon schief gehen…

Es geht auch nicht um das ganz generelle Problem der zentralen Sammlung so vieler Datensätze in einer Infrastruktur mit buchstäblich hunderten Stakeholdern auf der nationalen Ebene (Krankenkassen und Dienstleistern zB), die wiederum jeweils teils Zehntausende Angestellte haben. Wie viel Vertrauen soll man zu deren Rechtemanagement und IT-Sicherheit haben?

Wenn man diese ganzen internen Gefahrenstellen mal außer acht lässt, bleibt immer noch die im Vortrag demonstrierte Außentäterperspektive. Es wird gezeigt, wie leicht es ist, sich eine Gesundheitskarte zu beschaffen. Die genügt dann bereits, um auf die Einzelakte zuzugreifen. Es gibt keine PIN, kein Identitätsnachweis. Einfach nichts ist vorgesehen, um da den Zugriff, der auch das Schreiben und Löschen in der ePA beinhaltet, weiter zu sichern.

Genauso wird demonstriert, wie leicht es auf mehreren Wegen ist, sich die Rechte von Leistungserbringer*innen (in der Regel also Praxen) zu verschaffen und damit Zugriff auf die Akten aller Patient*innen der vergangenen 90 Tage. Die der vollständigen Akten übrigens, da sich in der Verwaltung der ePA ja nicht granular unterscheiden lässt, welche Ärzt*innen welche Unterlagen bekommen.

Drittens wird demonstriert wie leicht es ist, sich den Zugang zu den ePAs beim Versicherungsstammdatendienst zu erschleichen. 70 Millionen Akten auf einen Schlag.

Insgesamt weisen Kastl und Tschirsich also mehrere Wege nach, auf denen Stand Mitte Dezember der unbefugte Zugriff auf theoretisch alle elektronischen Patientenakten möglich ist. Was soll man dazu noch sagen außer: Opt out!

oben im Bild: am Ende des Regenbogens liegt die sichere ePA

Die SU macht sowas nicht

In den vergangenen Monaten war Russland recht oft Thema zwischen meiner Großmutter (88 Jahre alt, Generation DDR-Aufbau) und mir, da wir für dieses Jahr eine Reise dorthin geplant hatten; eine ganz bestimmte Route mit besonderen Orten, in Erfüllung eines Jugendtraumes der Großmutter. In den Gesprächen fiel mir auf, dass sie beispielsweise Armenien, Georgien oder die Ukraine mit ihren jeweiligen Namen als eigenständige Staaten wahrnimmt und benennt, für Russland aber sehr regelmäßig „SU“ als Bezeichnung verwendet, die früher gebräuchliche Abkürzung der Sowjetunion also.

Daran musste ich in den letzten zwei Wochen sehr oft denken, und zwar beim Blick auf das traurige Bild das die Parteiprominenz der Linken abgibt in der Bewertung der russischen Aggression in der Ukraine. Und ich meine mit traurig gar nicht die Handvoll fortgesetzt schamloser Putinfans. Deren Positionen sind auch in anderen Fragen ohnehin schon länger nicht satisfaktionsfähig. Nein, es geht mir mehr um jene, die jetzt so „überrascht“ und „enttäuscht“ sind und von denen viele sicher mit ehrlichem Entsetzen die Entwicklung sehen und nun (vielleicht) versuchen, eigene Fehler und Irrtümer zu benennen und aus ihnen zu lernen.

So mit am drastischsten ist da sicher Gregor Gysis Zurechtweisung von Fraktionskolleg*innen, die sich gleich völlig zum Obst gemacht haben. Bemerkenswert fand ich aber auch einen Beitrag zur Sache von André Brie im ND.

Gysis kleiner Ausraster beinhaltet viel richtiges, nach meinem Gefühl tatsächlich nichts „falsches“ im engeren Sinne, und doch finde ich das so dringende alleinige Beharren auf dem Völkerrecht als Argument etwas schwachbrüstig für einen erfahrenen Politiker. Klar, der Anlass und die Form der Äußerung erzwingen hier eine gewisse Verkürzung. Gysis Rechtspositivismus ist aber nicht neu und macht mich misstrauisch, vor allem weil der ja nicht ohne einen gewissen Pragmatismus Anwendung findet. Waren denn die russischen Interventionen in Georgien und in der Ostukraine davor Ok? Oder irgendwie okayener? Weil nicht gar so blutig? Oder Tschetschenien, weil der Feldzug innerhalb der Landesgrenzen stattfand?

Oder um mal von der Empfängerseite zum Absender zu wechseln: Ist die russische Regierung eine demokratisch und rechtsstaatlich aufgestellte, oder gar eine besonders progressive, linke vielleicht sogar? Die Antwort auf diese Fragen kann ja das politische Urteil durchaus beeinflussen. Entweder aber Gysi drückt sich da um eine klare Bewertung oder ich verstehe seine feine Ironie nicht, wenn er zB. nach dem Verbot von Memorial meint, die russische Regierung selbst müsste gegen das entsprechende „Urteil vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrecht ziehen“. Zu DDR-Zeiten wäre das ein Bombenwitz gewesen. Aber was ist das heute?

Gysi holt in dem aktuellen Brief noch aus, dass Putin in seinem Handeln ja nun gerade einer Nato-Osterweiterung argumentatives Futter gibt. Und auch wenn es, vor allem wegen seines absolut richtigen Vorwurfs an seine Fraktionskolleg*innen der Empathielosigkeit gegenüber den Opfern des Krieges, bei Gysi selbst nicht nicht so klingt: Bei einigen Genoss*innen, die pflichtschuldig den völkerrechtswidrigen Angriff verurteilen, schmeckt doch durch, dass ihr Hauptproblem eine aus dem rabiaten russischen Handeln entstandene diskursive Unbequemlichkeit ist.

Als wenn das alles schon irgendwie begründbar wäre, wenn Putin nur etwas diskreter vorgehen täte. Lediglich in den „Volksrepubliken“ einmarschieren, möglicherweise noch bis an die Grenzen der beiden Oblaste, aber da dann Stopp? Wären wir damit cool, ja? Könnten wir dann einfach weiter so tun, als wenn Putin sich nur gegen die böswillige Natoeinkreisung wehrt, und wo gehobelt wird usw.? Die Krim ist ja schließlich auch schon fast vergessen, aller Völkerrechtswidrigkeit zum Trotz.

Und dann frage ich mich, woher das kommt, dieser Drang alles aus Moskau irgendwie zu entschuldigen. Ja, und dann denke ich eben an meine Großmutter und die „SU“. Und daran, wie meine Lehrerin im September 1983, als die Nachrichten über ein bei Sachalin abgeschossenes südkoreanisches Verkehrsflugzeug im Westradio rauf- und runterliefen und wir kleinen Steppkes natürlich mit Fragen kamen, meinte: „Die SU macht sowas nicht.“ Ich denke, dass man Kindern im Grundschulalter, vor allem aber sich selber, niemals so einen Quark erzählen sollte.

Kommen wir zu Brie, der, gewollt oder nicht, ein bisschen Einblick in Seelenleben und Herzensleid der PDS-Gründungsgeneration gibt. Sein Text im ND ist, vor allem für den jahrelang als Toptheoretiker der PDS apostrophierten Autor, von wirklich beschämend billiger Rhetorik. Der Blick in die Geschichte rechtfertige den „verbrecherischen Krieg“ nicht, heißt es da. Nur um dann nichts anderes zu tun, als in der Geschichte Rechtfertigung für den Krieg zu suchen.

Neben dem obligatorischen „Die Nato ist auch immer ganz schlimm gewesen und deshalb Mitschuld“ kommt davor im selben Absatz eine besonders perfide Abrechnung mit ausgerechnet Gorbatschow in dem Text vor, gleich gefolgt von der völligen analytischen Bankrotterklärung des in der DDR diplomierten und promovierten Politikwissenschaftlers.

„Gorbatschow wurde bei den Verhandlungen zum Zwei-plus-Vier-Vertrag 1990 zugesagt, dass die Nato nicht in den Osten erweitert werden würde. Doch Gorbatschow ließ dies nicht vertraglich vereinbaren. Er machte es hier wie mit seiner Perestroika, es gab keine konkreten Vorstellungen und Festlegungen. Die Nato hat sich immer weiter Richtung Osten ausgedehnt, und Russland wurde immer wieder gedemütigt. 1999 überfiel die Nato ohne UN-Mandat und gegen den russischen Widerstand Jugoslawien.“

Hier wird also implizit der versuchten Demokratisierung der Sowjetunion unter Gorbatschow so im Vorbeigehen die Schuld für deren Untergang zugeschrieben, gleichzeitig die Verantwortung für das nachfolgende Chaos übergeholfen. Russland wird beiläufig – wie so oft – quasi gleichgesetzt mit der Sowjetunion, und dann „immer wieder gedemütigt“. Nun bin ich kein Experte für Völkerrecht, aber vielleicht mag Brie mal bei Gysi anfragen, ob „Kränkung des Nationalstolzes“ in Den Haag als hinreichender Kriegsgrund zählen würde. Das alles ist intellektuell schon ziemlich unterkomplex und in Teilen auch unredlich. Da wundert es mich nicht, wenn die Herrschaften so „überrascht“ und „enttäuscht“ von Putin sind.

Sicher, wer die Welt zum Besseren verändern will, braucht Utopien und Träume. Die sollten aber nicht dazu verführen, sich Illusionen über die Gegenwart zu machen. Deren Betrachtung muss nüchtern und klar sein. Dazu gehört zu wissen, und zwar nicht erst seit vergangenem Donnerstag, dass Putins Russland ein autoritärer Unrechtsstaat ist, dessen Militär wiederholt schwerste Verbrechen gegen Völker- und Menschenrechte verübt hat, und dass dieses Russland zwar ein Gegner der Natostaaten sein mag, aber eben keine erstrebens- oder besonders schützenswerte Alternative zu ihnen ist. Wenn man das klar hat, muss man auch nicht weiter drüber diskutieren, wer da warum gekränkt ist, sondern kann glaubwürdig und kraftvoll gegen die jetzt angekündigte Militarisierung der deutschen Außenpolitik kämpfen.

Kunstmarkt, Eigenverantwortung und das Ende des Schiffbaus

Drei Texte, gelesen in den letzten Tagen, einmal Erläuterungen zum sich wandelnden Kunsthandel, ein schöner Rant über die Individualisierung der Pandemiehölle und ein guter Überblick zur Deindustrialisierung in den osteuropäischen Transformationsgesellschaften.

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Ingo Arend in der Süddeutschen Zeitung mit einem instruktiven Überblick über den Kunstmarkt (nicht im übertragenen, sondern genau im ökonomischen Sinne) und dessen pandemiebedingt beschleunigten Wandel hin zu einer digitalen, plattformbasierten, reichlich intransparenten Angelegenheit. Bei der setzen sich wenige big players gegen die kleinen Galerien, aber auch gegen traditionsreiche, aber unbeweglichere und letztlich auch kapitalschwächere Messen durch. Klingt irgendwie bekannt, oder? Eine vergleichende Untersuchung zu den Transformationsprozessen anderer Branchen mit denen „in der elegantesten Spielhölle des Kapitalismus“ würde ich, zB von Arend, auch als Buch lesen.

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Apropos Buch, „Die schlechteste Hausfrau der Welt“ habe ich immer noch nicht gelesen, was unter anderem daran liegt, dass ich das Werk noch nicht mal gekauft hab. Das wird aber noch, versprochen. Jedenfalls hat Jacinta Nandi in der ak den Blick auf Versagen und Vorwurf als mögliche Ausdrucksformen des deutschen Nationalcharakters geworfen, in der Pandemie zumal. Ich fühle mich abgeholt von dem Text, vielleicht auch ein bisschen erwischt, auf jeden Fall aber gut unterhalten. Und das ist mir wichtig, auch in den Flugschriften des Klassenkampfes. Denn wenn ich nicht lachen kann, ist es nicht meine Revolution. Basta.

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„Von Anerkennung und Respekt kann man bekanntlich keinen Lebensunterhalt bestreiten.“ – Schön gesagt, und zwar in einem Stück zum Ende der Werften in Mecklenburg-Vorpommern von Philipp Ther bei Zeit Online. Der Historiker schlägt einen weiten Bogen, der die kulturelle, wirtschaftliche und politische Bedeutung des Schiffbaus im Ostblock ganz interessant zusammenfasst. Auf so engem Raum einen solchen Überblick anzubieten, das muss man erstmal hinbekommen.

Für mich waren die entsprechenden aktuellen Nachrichten ein wenig déjà-vu. Anfang der Neunziger war die Deindustrialisierung des Ostens schließlich das lebensbestimmende Thema, wenn man da aufwuchs, nicht wahr. Die Symbolkraft der Werften (und des industriell betriebenen Fischfangs) lässt sich gar nicht überschätzen für den Nordosten. Gingen mit der wirtschaftlichen Einebnung der Kerne, ihrer Zulieferer und Weiterverarbeiter ja nicht nur ganz materiell Arbeitsplätze, also Einkommensoptionen für unglaublich viele Menschen verloren, sondern auch deren Lebensperspektive neben der Maloche. Auf Sozialhilfe angewiesen zu sein, macht eben ganz schnell nicht nur ökonomisch arm.

Es ist drei Jahrzehnte später vielleicht schwer vorstellbar, wie unfassbar trostlos das alles war damals. Selbst der Protest von Belegschaften, mit ihren Betriebsbesetzungen und allem, war am Ende dann doch immer nur vorhersehbar aussichtslose Folklore. Das kommt in so nem Text wie dem von Ther ein bisschen knapp und unterkühlt rüber (was ich jetzt überhaupt nicht als Vorwurf meine, nebenbei).