Lebensmitte

Grad erinnere ich mich an zwei für mein Leben wichtige Dinge, die ich in Leipzig gelernt habe. Das zweite wird, dem Zwang zur müden Pointe gehorchend, ganz am Ende dieses Textes mitgeteilt. Das erste aber, das ich lernen durfte, war, dass ich (mit freundlicher Hilfestellung) eine plastische Idee davon bekommen habe, was ein liminaler Raum ist. Das Konzept des Liminalen schien mir zumindest eine Zeitlang ein beliebtes Steckenpferd bei Leuten zu sein, die mir eine Spur zu klug waren. Die Gang zu der ich gerne gehören wollte, die aber in Chiffren sprach, die mir halb verschlossen blieben.

Halb, weil ich durchaus nachschlagen konnte, was die verwendeten Vokabeln und zitierten Autoren (seltener Autorinnen) wohl bedeuten sollten, ich aber trotzdem den Schritt in den Bannkreis dieser wundersamen Welt aus mir unerklärlichen Gründen nicht vollziehen konnte. Meine Reaktion darauf war eine teils theatralische Abwehr. Sollten diese Snobs ihre langweilige Party doch alleine feiern. Und so konnte und wollte ich mir partout nicht merken, was zum Beispiel dieses „liminal“ eigentlich bedeuten sollte.

Bis K. vor nicht allzu langer Zeit irgendwo in Ufernähe der unendlich plätschernden, vorm Hauptbahnhof entspringenden Fußgängerzone mit der Begeisterung des engagierten Bergführers kurz vorm nächsten dramatischen Ausblick über eine Passhöhe auf einen etwas unscheinbaren verglasten Eingangsbereich zu einer Einkaufspassage wies und ausrief: „Das ist mein liebster liminaler Ort in Leipzig“ Und als wir dem Eingeständnis meiner Ignoranz folgend, gleich darauf in diesem Eingang standen, begann ich zu verstehen, was wohl gemeint sein könnte.

Während der größere, auf der einen Seite durch eine pseudomarmorierte Mauer begrenzte Teil des gläsernen Vorbaus in permanenter Bewegung war, von durch schwingende Türen eintretende und hinaus eilende Menschen, befanden wir uns auf der anderen Seite in völliger Stille. Ebenfalls von Glas und Mauer umschlossen, war da ein Raum, der nur in eine Richtung betreten, aber nirgendwohin durchschritten werden konnte und auch sonst keine Funktion zu haben schien. Kein Vorraum für irgendetwas. Da komplett einsehbar und nach außen gerichtet, nicht einmal als Abstellraum nutzbar. Lediglich transparentes und unbeachtetes Nebengelass eines Durchgangs. Überbautes Nichts.

Mein erster liminaler Raum. Ok.

Einkaufszentren (oder auch: Malls) scheinen ganz generell diese Liminalität als verborgenen Kern mit sich zu führen. Im wundervollen Newsletter „Linkfest“ von Clive Thompson wird auf einen Bericht zur „Liminal Assembly“ verwiesen, die durch aufgegeben Malls in Toronto führt. Orte, in denen der Verlust des kommerziellen Pulses einen ziellosen Zwischenzustand erzeugt hat, der ästhetisch wahrscheinlich ansprechender als der unserer kleinen Leipziger Glaskammer, dennoch eindeutig mit ihr verwandt ist. Passend dazu macht Thompson noch auf ein nun auch schon wieder ein paar Jahre altes Retro-Videospiel aufmerksam, dass ein Reddit-Mem über liminale, weil verlassene Büroräume, als Inspiration nutzte.

Während mir andere Internetphänomene schwerer erklärlich sind, schien mir seit der Leipziger Erfahrung der Grund für die Begeisterung angesichts liminaler Räume auf der Hand zu liegen. Sind sie doch Stein (und Glas) gewordene Symbole eines ohnehin weit verbreiteten Lebensgefühl des zweck-los Seins, des Nicht-Ankommen-könnens.

Was für eine schöne Entdeckung war es dann, als ich doch noch mal nachschlug und lernte, dass da eine Henne das Ei ins Nirgendwo gelegt hatte und nicht umgekehrt. Stammt die Terminologie eben nicht aus Ästhetik oder Architektur, sondern, wie selbst ich Spätzünder endlich erfahren durfte, aus der Ethnologie. Ich will hier übrigens keine falschen Hoffnungen wecken. Die Abschlusspointe auf die wir alle weiterhin warten müssen – wir erinnern uns, die zweite Sache, die ich in Leipzig gelernt habe – ist wirklich kein großer Brüller. Nur ein kleines lokal gefärbtes, antiklimaktisches… ach, egal, wir kommen schon irgendwie an.

Liminalität bezeichnet also, sehr kurz gefasst, einen nicht eindeutigen Schwellenzustand, wie zum Beispiel den, unmittelbar vor Eintritt ins Erwachsenenleben. Das nicht-mehr und noch-nicht eines Übergangs. Entscheidend ist dabei nicht die Zweck- und Ziellosigkeit, sondern ganz im Gegenteil das zwar noch ungeklärte, aber im Wortsinne viel-versprechende Potential dieses Zustandes. Üblicherweise über ein starkes Inititationsritual wird dieses Potential in die Hände des/der nun neu Erwachsenen gelegt. Statt also eine Ästhetik des Verfalls oder wohlig verstörender Leere, böte Liminalität eine Bewusstmachung der Unsicherheit, ja, aber eben auch einer Fülle an möglichen Fortgängen. Noch-nicht-sein bedeutet, noch sehr viel werden zu können. Da möchte man glatt noch mal liminale 15 sein, nicht wahr.

Wir trauern schließlich nicht vordringlich der etwas strafferen Haut der Jugend nach, sondern der sich angebahnt habenden Zukunft, die je nach Generation und individueller Konstitution bedrohlich oder verheißungsvoll, in jedem Fall aber geradezu unendlich erschien. Keine Feuchtigkeitscreme holt die aufregende Ungewissheit jener Jahre zurück.

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Der morbide Charme der verlassenen Einkaufstempel nun ist nicht einfach nur hübsch anzuschauen. Menschen mit etwas mehr Fantasie und einem mindestens unbewusst bestehenden funktionalen Zugang zum Konzept der Liminalität, füllen diese Räume mit sehr konkreten Ideen – und wenn man sie ließe, wohl auch mit Leben. In Berlin heißt sowas dann „Shoppingmalls zu Sorgezentren“ – da ist es dann plötzlich vorbei mit der introspektiven Betrachtung zerbröselnder Infrastruktur des Konsums.1 Statt dessen wird eine Fülle an möglichen Zukünften gesehen und auch angegangen.

Der liminale Raum wird also seiner Bestimmung zugeführt, einem Sein, das aus Möglichkeiten besteht, die in Gemeinschaft abgewogen und gegebenenfalls zu materieller Wirklichkeit werden. Alleine das Nachdenken über dieses Potential gibt dem Ort einen Zweck. Und zwar einen, der mehr Optionen hat als lediglich den Ursprungsnutzen, mehr oder weniger ästhetischen Verfall und finalen Abriss.

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Sich nicht für immer festlegen zu müssen, willentlich in einen Zustand der Liminalität zurückkehren zu können, empfinde ich als ein Stück ins heute geholter Utopie. Zwischenzustände werden Inkubationsräume eines überraschenden Neuen. Sich tatsächlich neu erfinden können und zwar in jedem Lebensalter, wäre doch der beste Jungbrunnen überhaupt. Statt dessen wird bereits der Möglichkeitsraum der Jugend stark beschränkt. Der Besuch beim Berufsinformationszentrum ist der niederdrückende Initiationsritus ganzer Generationen: „Well, I advise you to get a career“ (Eddie Izzard). Und zwar egal, welche.

DAS nicht sein zu müssen, für einen Augenblick noch von etwas anderem träumen zu dürfen, das ganze Leben auf Snooze stellen zu können, das ist die Anziehungskraft des liminalen Raumes. Letzter Rückzug der um ihr Zukunftsversprechen Betrogenen ins Noch-nicht.

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Meine Rechtschreibkorrektur kennt keinen Plural von Zukunft. Textverarbeitungsprogramme werden nicht zufällig unter der Rubrik „Produktivität“ geführt.

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Wie versprochen, noch die zweite Leipziger Lektion: Als wir aus unseren seltsamen Glaskasten heraustraten, führte K. mich zu einem Würstlstand, an dem es seinem Bekunden nach, „die beste Thüringer Roster“ überhaupt zu essen gäbe. Da lernte ich nach vielen Jahrzehnten gleichgültigen Verzehrs mittel bis mäßigen Produktes, was die Leute immerzu mit dieser blöden Bratwurst hatten. Tatsächlich war jene, aus dem Altenburger Land gleich um die Ecke stammende, eine echte Offenbarung.

  1. Einen knappen, überblickshaften Einstieg ins Thema „Shoppingmalls zu Sorgezentren“ bietet ein Konferenzbericht bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung ↩︎

im Bild oben: Treptower Park Center (Berlin, 2026), Erdgeschoss

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Ein Drittel

In der Endphase der DDR, im ersten Quartal 1990, entstand eine dokumentarische Koproduktion der Gruppe „Blick ins Land“ mit dem Titel „Im Glanze dieses Glückes“. Im Rahmen der Retrospektive lief die in diesem Jahr auf der Berlinale. Nun waren die Stücke aus der Retro-Reihe „Lost in the 90ies“ für mich sämtlichst eine Auffrischung beinahe verloren geglaubter Erinnerungsbilder. Zum Teil schlitterte das nahe an Sentimentalität entlang, mit so einem etwas zuckrigen „weeßte noch“ im Ohr, das zB. (und nicht zuletzt) beim Betrachten von Bildern der rumänischen Revolution dann aber ein wenig deplatziert wirkte. Ja klar weeß ick noch. Und sonst?

„Im Glanze dieses Glückes“ setzt ein Mosaik variierender Intensität und Qualität zusammen, folgt einzelnen Protagonist*innen durch die Wirren dieser an umwälzenden Ereignissen so reichen Zeit. Insbesondere wenn die Kamera sehr ruhig und nah an den Personen bleibt, wird eindrucksvoll die zeittypische Überforderung illustriert, aber auch die Mechanismen werden sichtbar, mit denen sie sich einen Reim darauf machen was gerade passiert, mit der Welt, mit den nächsten Menschen, mit sich selbst.

Sehr spannend zu beobachten sind zwei Arbeiter, die in ihrer Werkstatt Teile von Werkzeugmaschinen zur Härtung in einer Art Brennöfen wärmebehandeln. Was mich sehr beeindruckte, war der tiefe Stolz der beiden auf das Handwerk, das selbstbewusste Wissen um die eigenen Fertigkeiten. Dazu wurde aus den reflektierenden Einlassungen beider eine Gewissheit deutlich, dass es besser wäre, wenn der „von den arbeitenden Menschen“ produzierte Mehrwert der Allgemeinheit zu Gute käme und nicht individuellen Profitinteressen. Unmissverständlich ist das Bedauern um das Scheitern dieses Versuches, es besser zu machen.

Die beiden wissen, dass sie wahrscheinlich schon bald nicht mehr gebraucht werden mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen. Dabei präsentieren sie eine ganz natürliche Würde und eine mich überraschende eloquente Aufrichtigkeit, die auch bei anderen Protagonist*innen durchscheint. Das ist entweder der klugen Auswahl der Filmemacher*innen geschuldet oder vielleicht doch Zeugnis eines in der DDR gewachsenen Persönlichkeitstyps. Vor allem aber dieser proletarische, eher stille, gar nicht überheblich auftrumpfende Stolz schien mir etwas so unglaublich wertvolles zu sein, etwas, das seitdem permanent niedergedrückt und entwertet wird. Immer und immer wieder. Etwas, das mit der weiter fortschreitenden Entfremdung und Sinnentleerung der jeweils ausgeübten Tätigkeiten, mit denen die Zeit zum Geldverdienen eben so vergeudet wird, kaum wieder entstehen kann und auch gar nicht entstehen soll.

Klassenbewusstsein ist ja nicht nur eines von der Differenz, sondern eines vom eigenen Wert. Vielleicht sogar zuallererst vom Wert. Denn erst auf dessen Grundlage lässt sich doch Ungerechtigkeit plausibel beschreiben und letztlich dagegen aufbegehren.*

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An sowas muss ich denken, wenn meine Gewerkschaft den Kolleg*innen einen Tarifabschluss zur Annahme empfiehlt, der in seiner Laufzeit von 27 Monaten durchaus zu einem Reallohnverlust führen könnte. Gleichzeitig werden im verdi-Newsletter Empfehlungen für die private Altersvorsorge und den Aufbau von Eigenkapital per Bausparvertrag abgegeben, Mitgliedervorteilsangebote inklusive. Bankrotte Drückerkolonne mit roten Trillerpfeifen.

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Ein außergewöhnliches Stück Zeitgeschichte bei „Im Glanze dieses Glückes“ ist noch das Interview mit einem Stasi-Psychologen**. Dessen völlig verzerrtes Selbstbild und seine sensationell naive Unbeholfenheit bringen Regisseurin Tamara Trampe so dermaßen auf die Palme, dass sie die Position hinter der Kamera verlässt und den Mann ziemlich ungehalten und sehr präzise mit der Bizarrheit seiner seltsam hilflosen Verbohrtheit konfrontiert. Filmisch sehr geschickt gemacht hat sie anschließend die Szene für sich allein, um kurz zu erklären, was da eigentlich passiert ist, was ihr Problem war.

Und alles was sie an Ärger über sich selbst und diesen Berufsmanipulator zu sagen hat, ist richtig und wichtig. Am schwersten aber wiegt ihr Vorwurf an ihn und seinesgleichen, dass jene widerliche Karikatur einer gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Alternative zum Kapitalismus jeden Gedanken an einen neuen sozialistischen Versuch für mindestens hundert Jahre unmöglich gemacht habe.

Hundert Jahre.

Immerhin, ein Drittel der Zeit ist schon um.


*Eine Schwäche dieser Konstruktion ist, dass der Wert tatsächlich oft genug ausschließlich über Arbeit und Arbeitsfähigkeit definiert wurde, was eine riesige Leerstelle erzeugt, sowohl ethisch, als auch politisch-strategisch. Das aber ist eine ganz eigene Betrachtung wert.

**Den Offizier, Jochen Girke, besuchte Trampe kurz darauf erneut mit der Kamera und drehte über ihn einen kompletten abendfüllenden Dokumentarfilm, „Der schwarze Kasten“, der bei der Bundeszentrale für politische Bildung abrufbar ist. Bei Erscheinen, 1992, gab es in der taz eine ganz wunderbare Rezension von Dietmar Hochmuth, in der auch ein paar nachvollziehbare Watschen gegen den Ursprungsfilm verteilt werden.

im Bild oben: Die fotogene Treppe im Haus am Kleistpark mit einem Kurzgedicht von Boris Lurie

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Arbeiten, sprechen, atmen

Beim Wühlen im Netz auf den Text gestoßen worden, mit dem Josefine Soppa in diesem Jahr den Wortmeldungen Literaturpreis für kritische Kurztexte gewonnen hat (nachzulesen auf der Webseite der Wortmeldungen oder in Buchform bestellbar bei der Buchhandlung des Vertrauens oder gleich beim Verbrecherverlag). „Klick Klack, der Bergfrau erwacht“ – der Titel allein ist ne Wucht und der einführend zitierte Wortwechsel von Weizenbaums Chatbot Eliza gibt die Richtung vor. Eingabe: „Krieg ist der Vater aller Dinge.“, Ausgabe: „Erzählen sie mir mehr über ihre Familie!“ Und das tut sie dann auch.

Die verwendeten Bilder und Assoziationen sind unglaublich stark. Die Idee, den sukzessiven Verlust der Sprechbefähigung beim an Parkinson erkrankten Vater und sein Kämpfen um sinnvollen Ausdruck analog zur Präsentation sogenannter künstlicher Intelligenz zu setzen, ist sehr spannend ausgebaut. Mich nimmt überhaupt das Spiel von sehr körperlicher Beschreibung hin zu abstrakten Konzepten der Sinnbildung sehr gut mit.

Am meisten beschäftigt mich an „Klick klack“ der Abschnitt, der da beginnt mit einem Bezug auf Frédéric Valins Kritik an einer bestimmten Literatur der Arbeiter*innenkinder. Während der aber durchaus parteiisch und ziemlich gnadenlos auf den darin enthaltenen Verrat der Kinder an ihren Eltern und deren Klasse hin zuspitzt, entscheidet sich Soppa zumindest im vorliegenden Text für eine andere Option. Zunächst einmal nicht einfach gehen (wie zB. der von V. kritisierte Eribon). Die ganze Widersprüchlichkeit bleibt mit ihr, dem kleinen Baby und dem verschwindenden Vater in einem Raum. Quasi eingesperrt. Es wird eine intergenerationelle Kontinuität entworfen. Im sinnlosen Arbeiten, im Nicht-richtig-sprechen-können und zu guter Letzt im Atmen. Wieder zurück vom Abstrakten hin zum Konkreten, zum Körperlichen. Das strahlt tiefe menschliche Wärme aus.

Das Gefühl der Unterlegenheit, das Imposter-Syndrom der Aufsteiger*innen, die im Versuch, ihrer Herkunft zu entkommen schier zerbrechen, illustriert Soppa wiederum mit der Maschine. Auch wenn mir die Symbolik, die sie der KI, „dem größten aller Arbeiter*innenkinder“ überhilft, ein bisschen zu romantisierend daherkommt, funktioniert sie zweifellos als Spiegelung unseres Daseins.

Und dann kommt ein ganz faszinierender Satz: „Das Paradigma, KI nicht* zu vermenschlichen, dient auch dazu, eine „Aura der Immaterialität“ aufrechtzuerhalten und die menschliche Arbeit und Ausbeutung, die unzähligen prekären Biographien, die wörtlich in ihrer Schrift sind, zu verbergen.“ Faszinierend deshalb, weil der für mich mit genau der gegenteiligen Aussage richtig wäre, also: „Das Paradigma, KI zu vermenschlichen, dient auch dazu, die menschliche Arbeit und Ausbeutung, die unzähligen prekären Biographien zu verbergen.“

Tatsächlich würde ich behaupten, dass die large language models, die wir als KI bezeichnen, von den Nutzer*innen als selbständige Entitäten ohne Herkunftsgeschichte wahrgenommen werden. Gerade in der Anthropomorphisierung existieren sie losgelöst von der ganzen menschlichen Arbeit, die da hineingeflossen ist. Insofern ist die KI dann aber vielleicht doch eine geeignete Repräsentanz der Arbeiter*innenkinder. Nur eben mehr noch auf der von Valin beschriebenen Flugbahn: als eiskalte Verräterin ihrer Klasse im Dienste der herrschenden Verhältnisse und ihrer Statthalter*innen.

*meine Hervorhebung

oben im Bild: Sky’s the limit.

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Ohne Ort

Nachdem ich im vergangenen Jahr voll crazy gleich drei Berlinale-Filme gesehen hatte, bin ich dieses Mal zur Tradition des Besuchs genau eines Festival-Beitrags zurückgekehrt. Ausgerechnet in diesem furchtbaren Cubix-Block am Alex, wo Freitagmittag die Hardcore-Besucher*innen wie auch Mitarbeiter*innen nur noch Zombie-Charme ausstrahlen. Es wirkt wie der Schichtwechsel einer dystopischen Fabrik, die in halbwegs sterilen Werkstatträumen etwas unbestimmt waffenähnliches produziert. Mit grauen Gesichtern schleppen sie sich durch die charakterlose Architektur in langen Reihen aneinder vorbei. Die einen nach oben („Noch ein Film!“), die andern nach unten. Zwischendrin Unisex-Toiletten. Wokes Pissen in Berlin-Mitte. Wenn das [beliebige Zusammenrottung des abendländischen Kulturkampfes] wüsste…

Zu sehen gab es „Reifezeit“ in digital restaurierter Fassung. Ein Film, zufällig genauso alt wie ich. Gedreht zumindest in Teilen im Kiez süd-östlich des Bahnhofs Gesundbrunnen. Bis auf ein Straßenschild an der Kreuzung Swinemünder-Ramlerstraße stellt Regisseur Sohrab Shahid Saless Berlin aber überhaupt nicht aus. Die Mauer ist nur ein paar hundert Meter weit weg. Einmal um die nächste Straßenecke geschaut wäre der Fernsehturm auf der anderen Seite ins Bild gedrängt.

Nein, der Film hat keinen zwingenden Ort, vielleicht nicht einmal eine stark eingegrenzte Zeit. Die findet ohnehin nur als Maß der eintönigen Wiederholung im unlebbaren Leben der Protagonist*innen statt. Mit den Augen eines 9-jährigen Kindes werden die schablonenhaften Erwachsenen in ihrer ganzen Verlorenheit gezeigt. Deren Unfähigkeit, eine Welt zu gestalten, die ihren Nachkommen anderes Leben ermöglicht, wird dabei nicht als Vorwurf formuliert. Sie wird einfach nur als Fakt gezeigt.

Es ist alles ein bisschen wie naturalistisches Theater, aber als Film. Das erste Wort wird nach 20 Minuten gesprochen. Saless verwendet mit statischer Kamera die Treppenhäuser im Wedding, die trostlosen Zimmer, die kühlen Gänge der Schule wirklich wie Theaterkulissen. Licht und Schatten, Treppen hinauf, Treppen hinab. Wenn die Darsteller*innen sich nicht bewegen, bewegt sich auch sonst nichts. Selbst eine S-Bahnfahrt bringt da keine optische Erlösung. Die Fahrt auf einem Fahrrad, immer in einem Kreis, der nicht weiter als eine Toreinfahrt reicht, unterstreicht nur die Enge und Unbeweglichkeit.

Das meiste wird dabei in Andeutungen erzählt. Kleine Handlungen nur, die dieser Welt ihren Rahmen geben. Der Diebstahl einer Schokolade. Das wiederholte Abschminken der Mutter, nach getaner (Sex-)Arbeit. Da muss gar nicht grafisch gezeigt werden, wie schlimm das Geschehen selbst ist. Es wird sichtbar, wie schlimm es wirkt. Das ist alles nicht pädagogisch verpackt, sondern trotz der offensichtlichen Gesellschaftskritik seltsam unvoreingenommen, kindlich fast und insofern ein extrem gelungenes Beispiel für den Einsatz eines so jungen Hauptdarstellers.

Bild oben: Die Kreuzung Swinemünder Straße, Ecke Ramlerstraße heute. Im Hintergrund ist die Swinemünder Brücke zu sehen.

Im Wald

Nun ist es schon deutlich länger als ein Jahr her, dass ich meine bislang letzte Zigarette geraucht hab. Der positive Impact auf meine Gesundheit durch den Umstand, dass ich ungefähr genauso lange keiner Lohnarbeit mehr nachgehe, scheint mir aber deutlich höher zu sein, als die Nikotin- und Teerentwöhnung. Nun ist es gewiss keine neue Erkenntnis, dass Arbeit (zumindest unter gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen) krank machen kann. Etwas zu wissen und es selber zu spüren bekommen sind jedoch zwei gänzlich unterschiedliche Angelegenheiten. Das kann eins dann schon ziemlich ratlos zurücklassen.

So viel kann ich aber mit Sicherheit sagen: Im Wald ist es schöner als am Schreibtisch. Und ich meine das gar nicht auf so eine romantisierend-zivilisationsfeindliche Art. Ich mag meinen Schreibtisch durchaus. Es ist aber zweifellos angenehmer, ohne Zeitdruck, ohne Fremdbestimmung auf der Suche nach Pilzen durchs Unterholz zu kriechen. Angenehmer jedenfalls, als beispielsweise ein penetrant klingelndes Telefon oder dieses hässliche Geräusch, mit dem sich neuer Emaileingang die Ehre gibt.

Fliegenpilz auf einer Wiese

In den letzten Tagen gab es so eine Bewegung hin zum Fediverse, oder um genau zu sein, fast ausschließlich zu Mastodon. Auslöser ist der Twitterkauf von Musk. Es wird eigenartigerweise richtig gestritten über die Migration hin zum dezentralen, selbstverwalteten Raum. Vielleicht verständlicherweise. Twitter ist für viele schließlich professionelles Netzwerktool. Da möchte man keine Störungen oder Abwanderungsbewegungen haben, die jene mühevoll aufgebauten Followerstrukturen zerbröseln lassen.

Mir ist das scheißegal, merke ich. Als vorgestern auch noch Instagram abkackte und mich nicht mehr einloggen ließ, fühlte ich kurz so etwas wie Glückseligkeit. Kein Nudging mehr, keine Likechecks und der ganze Kram. Da muss man gar nicht moralisch in die eine oder andere Richtung argumentieren (man kann natürlich, aber auch dann spricht wirklich alles gegen Twitter und für Mastodon).

Frédéric Valin merkte in einem, haha, Facebook-Post an, dass er sich bei Mastodon wohl fühle. Das ist doch zunächst das einzige valide Argument, überhaupt irgendwo rumzuhängen. Im Wald, am Schreibtisch, in der Kneipe, im Netz. Der Rest ist Zwang, oder zumindest nicht immer angenehme Notwendigkeit: Lohnarbeit, Reproduktionsarbeit, Faschismus bekämpfen. Was man halt so machen muss.

Pilz auf einer Wiese, im Hintergrund herbstbunte Bäume

Nachrichten aus der DRM-Hölle und anderen Abgründen

In der Kurzgeschichte „Unauthorized Bread“ (erschienen 2019 im Band „Radicalized“) beschreibt Cory Doctorow das Elend von Digital Rights Management (DRM) anhand eines Toasters, der nur Brot eines bestimmten Herstellers toastet. Seine Protagonistin hackt das Ding aus unmittelbarer Notwendigkeit und wird so zur Kriminellen. So weit hergeholt ist das nicht, Doctorow weiß natürlich wovon er spricht. „The war on general computing“ ist sein Leib- und Magenthema.

Und in der Realität wird praktische jede seiner Analysen immer wieder bestätigt, und das auf Wegen, die sich der Schriftsteller im Prediger und Aktivisten kaum besser hätte ausdenken können. So hat Doctorow grad die Gelegenheit, sich bei der Electronic Frontier Foundation über den nächsten Gipfel der DRM-Unverschämtheit auszulassen. Nach der ohnehin schon reichlich frechen aber inzwischen achselzuckend als Normalität akzeptierten Herstellerbindung bei Druckertinte versucht ein Produzent von Labeldruckern nun die Benutzung von Papier aus nicht autorisierten (oft deutlich preisgünstigeren) Quellen zu unterbinden. Kann also nicht mehr lange dauern mit den Toastern.

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Proprietäre Systeme können dabei noch viel existenziellere Probleme verursachen. Ebenfalls wie aus einer dystopischen Doctorow-Geschichte kommt ein Bericht bei IEEE Spectrum daher (deutschsprachige Zusammenfassung bei futurezone.at). Ein künstliches Auge hört auf zu funktionieren, weil die Herstellerfirma pleite gegangen ist und es keinen Support und keine Updates mehr gibt. „Hört auf zu funktionieren“ bedeutet tatsächlich, dass die Menschen, die für ihr Augenlicht auf das Implantat angewiesen sind, erneut erblinden. Was der Markt halt so regelt.

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Außerdem interessant: Ein bisschen nerdiges Stück bei Mozilla im Blog über die Frage, warum Links standardgemäß blau daherkommen. Die Screenshots in dem Beitrag haben tatsächlich was nostalgisches für mich. Vermisse ein wenig die Neugier und das Erstaunen die ich in den frühen 90ern mit Computern verband. Achja, Spoiler: Die Frage, „Warum ausgerechnet blau?“ kann bislang nicht abschließend geklärt werden.

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Apropos nerdig, ein Tweet, der mE. recht treffend die unfassbare Repression gegen sexuelle Minderheiten in Texas kommentierte, brachte mich auf den Youtubekanal des Autors. Dort dann mit allergrößter Begeisterung dessen fast 22-minütige Eloge auf einen Dosenöffner und die Lehren fürs Leben, die sich aus dem Gerät und Kontext ziehen ließen, geschaut. Das ist ist nicht für alle Stimmungslagen geeignet, aber wenn man sich drauf einlassen kann, ist es wirklich wundervoll.

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Disclaimer: Selbstverständlich lese ich auch das eine oder andere zum Krieg in der Ukraine. Das jedoch auch nur für mich zu ordnen und vielleicht noch Empfehlungen auszusprechen – soweit bin ich nicht. Und ehrlich gesagt gehen mir die ganzen Bescheidwisser mit ihren geopolitischen think pieces, deren Thesen teilweise schon am Erscheinungstag an den Realitäten zerschellen, mächtig auf die Nerven. Am ehesten kann ich im Moment was anfangen mit Berichten von mir vertrauten Journalist*innen über zB. NGOs, die vor Ort der Zivilbevölkerung zu helfen suchen*. Denn, dass die als erste und am stärksten leidet, ist wohl das einzige was sicher ist.

*(wie zB dieses von Dinah Riese für die taz geführte Interview mit einer Organisation namens Libereco)

Privatstädte, Füh- und Passmann (Bonus Kürbisgulasch)

Dieser Tage nachholend so einiges gelesen. Bitteschön:

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In der Frankfurter Rundschau findet sich eine interessante Recherche von Andreas Kemper zu den Bestrebungen, „Private Städte“, also urbane Räume jenseits demokratisch Übersicht/staatlicher Kontrolle zu schaffen. Kemper geht es dabei vor allem um eine Degussa-Connection und deren Bestrebungen in „politisch vergleichsweise schwachen Staaten“ mit viel Geld entsprechende Gated Communites der besonderen Art einzurichten. Die Rede in diesem Falle ist von Honduras sowie São Tomé und Príncipe.

Das erinnert an ähnliche Pläne ein wenig weiter nördlich. Im Bundesstaat Nevada könnte es demnächst möglich sein, mit genug Geld und Grundbesitz quasi exterritoriale Städte zu bauen, schön mit eigenen Gesetzen und Steuern. Wenn man‘s genau bedenkt ist das eine nur logische Entwicklung. Sich immer wieder aufs neue Politiker*innen kaufen zu müssen, um ein gewisses Maß an Kontrolle über die Stadtentwicklung in bestehenden Metropolen zu haben, ist schließlich ein ziemlich langwieriges Glücksspiel. Die Eigentumsverhältnisse von Anfang klar zu haben, ist da irgendwie ehrlicher.

Ich frag mich nur die ganze Zeit, wo dann eigentlich die Dienstboten der Luxusretreats wohnen werden. Wahrscheinlich in Trailer-Slums vor den Stadttoren. Vielleicht weiß Andreas Kemper ja mehr darüber, immerhin hat er ein Buch zur Sache geschrieben das im März bei Unrast erscheint. Ich bin jedenfalls gespannt.

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Gunnar Decker noch mit einem im Freitag nachgereichten Stück zu Fühmann. Decker geht auf die Hermetik FFs ein, seine Unverkäuflichkeit im goldnen Westen, die Suche nach dem „Eigentlichen“ in der Literatur. Tatsächlich fand ich den bis ins Extreme sich steigernde Kunstbegriff und Anspruch Fühmanns nicht durchweg richtig oder gar einladend. Andererseits muss der Antrieb, immer weiter zu forschen und zu schaffen ja von etwas herkommen, und woher soll ich amplitudenarmer Schlumpf das schon wissen.

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Bei Zeit Online hat Sophie Passmann Tocotronic gewürdigt. Wenn auch weniger die Band, als das ganze Phänomen rundherum. Als entschiedener Nicht-Fan war ich trotzdem sehr angesprochen von dieser humor- wie liebevollen und klug beobachteten Erläuterung. Zum Text meinte K., dass der schon sehr „passmannisch“ sei. Versäumt zu fragen, ob das jetzt was schlechtes ist. Tja.

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Gekocht hab ich auch die Tage, einer Empfehlung aus einem Newsletter folgend. Robin Detjes erbauliche Serie „Lasst uns gemeinsam einen besseren Weltuntergang bauen!“ endete im 5. Teil, versandt am vergangenen Montag, mit dem Link auf ein Kürbisgulaschrezept. Da alle Zutaten* hier vorhanden waren und es eine fixe Angelegenheit ist, gleich mal gekocht. Ich würde beim nächsten Mal gewiss etwas großzügiger salzen gleich am Anfang und die Menge Linsen um vielleicht ein Drittel reduzieren, aber geschmeckt hat‘s ansonsten prima.

*(naja, fast alle, statt Rotweinessig Balsamico genommen und statt Gemüsesuppe Kalbsfond und weil der Majoran hier jahrelang stiefmütterlich vor sich hindiffundierte, lieber noch etwas Rosmarin nachgelegt)