Lebensmitte

Grad erinnere ich mich an zwei für mein Leben wichtige Dinge, die ich in Leipzig gelernt habe. Das zweite wird, dem Zwang zur müden Pointe gehorchend, ganz am Ende dieses Textes mitgeteilt. Das erste aber, das ich lernen durfte, war, dass ich (mit freundlicher Hilfestellung) eine plastische Idee davon bekommen habe, was ein liminaler Raum ist. Das Konzept des Liminalen schien mir zumindest eine Zeitlang ein beliebtes Steckenpferd bei Leuten zu sein, die mir eine Spur zu klug waren. Die Gang zu der ich gerne gehören wollte, die aber in Chiffren sprach, die mir halb verschlossen blieben.

Halb, weil ich durchaus nachschlagen konnte, was die verwendeten Vokabeln und zitierten Autoren (seltener Autorinnen) wohl bedeuten sollten, ich aber trotzdem den Schritt in den Bannkreis dieser wundersamen Welt aus mir unerklärlichen Gründen nicht vollziehen konnte. Meine Reaktion darauf war eine teils theatralische Abwehr. Sollten diese Snobs ihre langweilige Party doch alleine feiern. Und so konnte und wollte ich mir partout nicht merken, was zum Beispiel dieses „liminal“ eigentlich bedeuten sollte.

Bis K. vor nicht allzu langer Zeit irgendwo in Ufernähe der unendlich plätschernden, vorm Hauptbahnhof entspringenden Fußgängerzone mit der Begeisterung des engagierten Bergführers kurz vorm nächsten dramatischen Ausblick über eine Passhöhe auf einen etwas unscheinbaren verglasten Eingangsbereich zu einer Einkaufspassage wies und ausrief: „Das ist mein liebster liminaler Ort in Leipzig“ Und als wir dem Eingeständnis meiner Ignoranz folgend, gleich darauf in diesem Eingang standen, begann ich zu verstehen, was wohl gemeint sein könnte.

Während der größere, auf der einen Seite durch eine pseudomarmorierte Mauer begrenzte Teil des gläsernen Vorbaus in permanenter Bewegung war, von durch schwingende Türen eintretende und hinaus eilende Menschen, befanden wir uns auf der anderen Seite in völliger Stille. Ebenfalls von Glas und Mauer umschlossen, war da ein Raum, der nur in eine Richtung betreten, aber nirgendwohin durchschritten werden konnte und auch sonst keine Funktion zu haben schien. Kein Vorraum für irgendetwas. Da komplett einsehbar und nach außen gerichtet, nicht einmal als Abstellraum nutzbar. Lediglich transparentes und unbeachtetes Nebengelass eines Durchgangs. Überbautes Nichts.

Mein erster liminaler Raum. Ok.

Einkaufszentren (oder auch: Malls) scheinen ganz generell diese Liminalität als verborgenen Kern mit sich zu führen. Im wundervollen Newsletter „Linkfest“ von Clive Thompson wird auf einen Bericht zur „Liminal Assembly“ verwiesen, die durch aufgegeben Malls in Toronto führt. Orte, in denen der Verlust des kommerziellen Pulses einen ziellosen Zwischenzustand erzeugt hat, der ästhetisch wahrscheinlich ansprechender als der unserer kleinen Leipziger Glaskammer, dennoch eindeutig mit ihr verwandt ist. Passend dazu macht Thompson noch auf ein nun auch schon wieder ein paar Jahre altes Retro-Videospiel aufmerksam, dass ein Reddit-Mem über liminale, weil verlassene Büroräume, als Inspiration nutzte.

Während mir andere Internetphänomene schwerer erklärlich sind, schien mir seit der Leipziger Erfahrung der Grund für die Begeisterung angesichts liminaler Räume auf der Hand zu liegen. Sind sie doch Stein (und Glas) gewordene Symbole eines ohnehin weit verbreiteten Lebensgefühl des zweck-los Seins, des Nicht-Ankommen-könnens.

Was für eine schöne Entdeckung war es dann, als ich doch noch mal nachschlug und lernte, dass da eine Henne das Ei ins Nirgendwo gelegt hatte und nicht umgekehrt. Stammt die Terminologie eben nicht aus Ästhetik oder Architektur, sondern, wie selbst ich Spätzünder endlich erfahren durfte, aus der Ethnologie. Ich will hier übrigens keine falschen Hoffnungen wecken. Die Abschlusspointe auf die wir alle weiterhin warten müssen – wir erinnern uns, die zweite Sache, die ich in Leipzig gelernt habe – ist wirklich kein großer Brüller. Nur ein kleines lokal gefärbtes, antiklimaktisches… ach, egal, wir kommen schon irgendwie an.

Liminalität bezeichnet also, sehr kurz gefasst, einen nicht eindeutigen Schwellenzustand, wie zum Beispiel den, unmittelbar vor Eintritt ins Erwachsenenleben. Das nicht-mehr und noch-nicht eines Übergangs. Entscheidend ist dabei nicht die Zweck- und Ziellosigkeit, sondern ganz im Gegenteil das zwar noch ungeklärte, aber im Wortsinne viel-versprechende Potential dieses Zustandes. Üblicherweise über ein starkes Inititationsritual wird dieses Potential in die Hände des/der nun neu Erwachsenen gelegt. Statt also eine Ästhetik des Verfalls oder wohlig verstörender Leere, böte Liminalität eine Bewusstmachung der Unsicherheit, ja, aber eben auch einer Fülle an möglichen Fortgängen. Noch-nicht-sein bedeutet, noch sehr viel werden zu können. Da möchte man glatt noch mal liminale 15 sein, nicht wahr.

Wir trauern schließlich nicht vordringlich der etwas strafferen Haut der Jugend nach, sondern der sich angebahnt habenden Zukunft, die je nach Generation und individueller Konstitution bedrohlich oder verheißungsvoll, in jedem Fall aber geradezu unendlich erschien. Keine Feuchtigkeitscreme holt die aufregende Ungewissheit jener Jahre zurück.

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Der morbide Charme der verlassenen Einkaufstempel nun ist nicht einfach nur hübsch anzuschauen. Menschen mit etwas mehr Fantasie und einem mindestens unbewusst bestehenden funktionalen Zugang zum Konzept der Liminalität, füllen diese Räume mit sehr konkreten Ideen – und wenn man sie ließe, wohl auch mit Leben. In Berlin heißt sowas dann „Shoppingmalls zu Sorgezentren“ – da ist es dann plötzlich vorbei mit der introspektiven Betrachtung zerbröselnder Infrastruktur des Konsums.1 Statt dessen wird eine Fülle an möglichen Zukünften gesehen und auch angegangen.

Der liminale Raum wird also seiner Bestimmung zugeführt, einem Sein, das aus Möglichkeiten besteht, die in Gemeinschaft abgewogen und gegebenenfalls zu materieller Wirklichkeit werden. Alleine das Nachdenken über dieses Potential gibt dem Ort einen Zweck. Und zwar einen, der mehr Optionen hat als lediglich den Ursprungsnutzen, mehr oder weniger ästhetischen Verfall und finalen Abriss.

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Sich nicht für immer festlegen zu müssen, willentlich in einen Zustand der Liminalität zurückkehren zu können, empfinde ich als ein Stück ins heute geholter Utopie. Zwischenzustände werden Inkubationsräume eines überraschenden Neuen. Sich tatsächlich neu erfinden können und zwar in jedem Lebensalter, wäre doch der beste Jungbrunnen überhaupt. Statt dessen wird bereits der Möglichkeitsraum der Jugend stark beschränkt. Der Besuch beim Berufsinformationszentrum ist der niederdrückende Initiationsritus ganzer Generationen: „Well, I advise you to get a career“ (Eddie Izzard). Und zwar egal, welche.

DAS nicht sein zu müssen, für einen Augenblick noch von etwas anderem träumen zu dürfen, das ganze Leben auf Snooze stellen zu können, das ist die Anziehungskraft des liminalen Raumes. Letzter Rückzug der um ihr Zukunftsversprechen Betrogenen ins Noch-nicht.

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Meine Rechtschreibkorrektur kennt keinen Plural von Zukunft. Textverarbeitungsprogramme werden nicht zufällig unter der Rubrik „Produktivität“ geführt.

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Wie versprochen, noch die zweite Leipziger Lektion: Als wir aus unseren seltsamen Glaskasten heraustraten, führte K. mich zu einem Würstlstand, an dem es seinem Bekunden nach, „die beste Thüringer Roster“ überhaupt zu essen gäbe. Da lernte ich nach vielen Jahrzehnten gleichgültigen Verzehrs mittel bis mäßigen Produktes, was die Leute immerzu mit dieser blöden Bratwurst hatten. Tatsächlich war jene, aus dem Altenburger Land gleich um die Ecke stammende, eine echte Offenbarung.

  1. Einen knappen, überblickshaften Einstieg ins Thema „Shoppingmalls zu Sorgezentren“ bietet ein Konferenzbericht bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung ↩︎

im Bild oben: Treptower Park Center (Berlin, 2026), Erdgeschoss

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Ruhe

Zwischen zwei Sturmtiefs ist es draußen grad etwas ruhiger. Trotzdem baut niemand Picknicktische auf, im Gegenteil, die Bahn stellt in Norddeutschland schonmal vorsorglich den Verkehr ein. Was man eben so macht, wenn ein vorhersehbar potentiell katastrophales Ereignis sich ankündigt. So viel Realitätssinn überrascht nach zwei Jahren Pandemie doch etwas.

Am vergangenen Wochenende war das Wetter viel einladender. Zwischen Treptower Park, über die Spree nach Stralau und Friedrichshain drückten sich die Spaziergänger*innen aneinander vorbei, als wenn es schon vom Eise befreites Ostern wäre. Zwei Räucheröfen am Treptower Hafen qualmten ordentlich. Die Schlangen an den Glühweinbuden waren länger als am Testzentrum, dass nun schon ewig den ansonsten einzigen Publikumsverkehr an die Landebrücken der Weißen Flotte heranzieht.

Sonne scheint rückwärtig durch ein Fenster, auf dem steht "Wir haben für Sie geöffnet. Edeka"
Verheißung vor Stralau
Wand mit Graffiti und Werbungen, eine davon groß, ein Guiness-Bierglas und der Spruch "And so it Begins.."
Werbung für Bier und Abstinenz zugleich

Weiter drüben steht in unübersehbarer Aufdringlichkeit der Wasserturm vom Ostkreuz in der Landschaft. In seiner anachronistischen Nutzlosigkeit und der etwas eigenwilligen Form (Phallus und Pickelhaube zugleich) das wohl preußischst-mögliche Bauwerk. Und das musste nicht einmal für viele Millionen neu aufgebaut werden.

Turm auf Bahngelände
Wasserturm am Ostkreuz

Gebaut wird aber auch hier. Die Kräne der Baustelle an der Rummelsburger Bucht (die schon für jede Menge Ärger gesorgt hat und sorgen wird) ließen mich an B. denken. Vor vielleicht zwanzig Jahren meinte er mit Blick auf die ganzen Baukräne in Mitte, die seien der Irokesenschnitt von Berlin. Da lag nicht nur eine ironische Poesie, sondern mehr harte Wahrheit drin, als ich damals realisierte. Berlin ist inzwischen halt erwachsen geworden und weitestgehend ordentlich frisiert.

Zwei Baukräne vor blauem Himmel
Baustelle Rummelsburger Bucht
Weiße geknickte Markierungsstriche auf einem geteerten Weg
Lange ohne Ergebnis über diese Markierungen nachgedacht

Privatstädte, Füh- und Passmann (Bonus Kürbisgulasch)

Dieser Tage nachholend so einiges gelesen. Bitteschön:

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In der Frankfurter Rundschau findet sich eine interessante Recherche von Andreas Kemper zu den Bestrebungen, „Private Städte“, also urbane Räume jenseits demokratisch Übersicht/staatlicher Kontrolle zu schaffen. Kemper geht es dabei vor allem um eine Degussa-Connection und deren Bestrebungen in „politisch vergleichsweise schwachen Staaten“ mit viel Geld entsprechende Gated Communites der besonderen Art einzurichten. Die Rede in diesem Falle ist von Honduras sowie São Tomé und Príncipe.

Das erinnert an ähnliche Pläne ein wenig weiter nördlich. Im Bundesstaat Nevada könnte es demnächst möglich sein, mit genug Geld und Grundbesitz quasi exterritoriale Städte zu bauen, schön mit eigenen Gesetzen und Steuern. Wenn man‘s genau bedenkt ist das eine nur logische Entwicklung. Sich immer wieder aufs neue Politiker*innen kaufen zu müssen, um ein gewisses Maß an Kontrolle über die Stadtentwicklung in bestehenden Metropolen zu haben, ist schließlich ein ziemlich langwieriges Glücksspiel. Die Eigentumsverhältnisse von Anfang klar zu haben, ist da irgendwie ehrlicher.

Ich frag mich nur die ganze Zeit, wo dann eigentlich die Dienstboten der Luxusretreats wohnen werden. Wahrscheinlich in Trailer-Slums vor den Stadttoren. Vielleicht weiß Andreas Kemper ja mehr darüber, immerhin hat er ein Buch zur Sache geschrieben das im März bei Unrast erscheint. Ich bin jedenfalls gespannt.

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Gunnar Decker noch mit einem im Freitag nachgereichten Stück zu Fühmann. Decker geht auf die Hermetik FFs ein, seine Unverkäuflichkeit im goldnen Westen, die Suche nach dem „Eigentlichen“ in der Literatur. Tatsächlich fand ich den bis ins Extreme sich steigernde Kunstbegriff und Anspruch Fühmanns nicht durchweg richtig oder gar einladend. Andererseits muss der Antrieb, immer weiter zu forschen und zu schaffen ja von etwas herkommen, und woher soll ich amplitudenarmer Schlumpf das schon wissen.

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Bei Zeit Online hat Sophie Passmann Tocotronic gewürdigt. Wenn auch weniger die Band, als das ganze Phänomen rundherum. Als entschiedener Nicht-Fan war ich trotzdem sehr angesprochen von dieser humor- wie liebevollen und klug beobachteten Erläuterung. Zum Text meinte K., dass der schon sehr „passmannisch“ sei. Versäumt zu fragen, ob das jetzt was schlechtes ist. Tja.

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Gekocht hab ich auch die Tage, einer Empfehlung aus einem Newsletter folgend. Robin Detjes erbauliche Serie „Lasst uns gemeinsam einen besseren Weltuntergang bauen!“ endete im 5. Teil, versandt am vergangenen Montag, mit dem Link auf ein Kürbisgulaschrezept. Da alle Zutaten* hier vorhanden waren und es eine fixe Angelegenheit ist, gleich mal gekocht. Ich würde beim nächsten Mal gewiss etwas großzügiger salzen gleich am Anfang und die Menge Linsen um vielleicht ein Drittel reduzieren, aber geschmeckt hat‘s ansonsten prima.

*(naja, fast alle, statt Rotweinessig Balsamico genommen und statt Gemüsesuppe Kalbsfond und weil der Majoran hier jahrelang stiefmütterlich vor sich hindiffundierte, lieber noch etwas Rosmarin nachgelegt)