Hektische Unbeweglichkeit

Politische Auseinandersetzung ist schon immer auch im öffentlichen Raum zu Hause. Plakate, Tags, Sticker, mit etwas Glück mal ein aufwendigeres Mural. So war es jetzt keine große Überraschung zu entdecken, dass jemand im Plänterwald (das ist gewissermaßen die größere Verlängerung des Treptower Parks im Berliner Südosten) Holzelemente mit Free-Gaza-Schriftzügen ritzt (oder brennt eventuell?). Da steckt durchaus ein bisschen Mühe drin, allerdings fragte ich mich, am Waldspielplatz verweilend, wer so viel Energie hat und es für eine kluge Idee hält, die an so einen wenig frequentieren Ort zu verschwenden, jetzt mal unbesehen, wie wichtig das Anliegen sein mag.

A. meinte, dass das ganz junge Menschen wären, da gebe es viel Überschuss, der sich halt Bahn breche. Vernunft sei nicht das allererste Kriterium, mehr Bestimmung, Gemeinschaft, Erlebnis. Tom Strohschneider verwies kürzlich in einem Sammelbeitrag zu Konflikten in der Linkspartei auf Shulamit Volkov, die schon in den 1980ern für die Einnahme bestimmter Standpunkte konstatierte, dass es weniger um die genaue inhaltliche Ausgestaltung, sondern mehr um „Erkennungszeichen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten, subkulturellen Milieu“ ginge. Ich ergänze in Gedanken, dass diese Beobachtung bestimmt auch auf die zu den Standpunkten gehörende Praxis ausdehnbar ist. Kritik-Selbstkritik-Orgien, Hochdienerei in den Strukturen und die eine oder andere nicht unbedingt sinnvolle Zu-Fuß-Arbeit als, gegebenenfalls auch selbst auferlegter, Loyalitätsbeweis. Und so landet man dann im Plänterwald am Waldspielplatz. Oder bei der Zeitung.

Die Kraft des guten Arguments ist bekanntermaßen ohnehin viel geringer als man gemeinhin erwarten möchte. Wenn es jedoch zum Israel-Palästina-Komplex kommt, kann man getrost jegliche Hoffnung auf produktiven Austausch fahren lassen. Wenn es den Ausdruck Tribalismus nicht schon gäbe, dafür hätte er erfunden werden müssen. Beispielhaft illustrierte das in der vergangenen Woche die taz mit ihrer Meinungsschiene zur Ausladung von Igor Levitt und Danger Dan durch das ZDF. Sage und schreibe vier Kommentare zu einem einzigen Sachverhalt leistete sich der Laden, an den meine Erinnerung als Chef vom Dienst ist, dass es sonst wegen der viel zu dünn gestreckten Ressourcen bisweilen schwierig war, auch nur einen Text zu einem aktuellen Thema von Weltrang zu bekommen.

Na jedenfalls, während von der Münchner Abendzeitung bis zur Zeit allerlei berechtigte ÖR-Schelte betrieben wurde, gelang der taz gleich mehrfach das, was man zu meiner Zeit dort euphemistisch “steile These” nannte.

So gibt ein alter tazler dem ZDF recht, und findet es OK, dass die Aussendung der “fragwürdigen Antifa-Romantik” und des Aufrufs zu “Doxxing” und “Selbstjustiz” unterbunden wird. Überrascht? Die Verteidigung bestimmter, durchaus auch robusterer Meinungen, vorneweg das Recht auf Leugnung des Existenzrechts Israels, ist dem selben Autor sonst ein überaus engagiertes publizistisches Anliegen. Dass es da einen Zusammenhang geben könnte impliziert ein jüngerer tazler, der in seinem Kommentar den beiden Musikern vor allem ihr gutes Verhältnis zu Israel vorwirft. Ok, das ist ja auch der Kern der Auseinandersetzung grad. Oder? Oder nicht? Wie genau soll denn eine Verständigung möglich sein, wenn jeder, wirklich jeder Anlass offen oder verdeckt von dem einen gekapert wird?

Die taz wäre nun nicht die taz, wenn es (neben dem immerhin einen offensichtlich richtigen Kommentar) nicht auch auf skizzierter Meta-Ebene noch eine Antwort gäbe. So ertüchtigt sich also ein Kulturkorrespondent der Textexegese und empfiehlt, gelassener und überhaupt solidarisch an die Sache heranzugehen. So weit, so gut. Allerdings erinnere ich mich, mit wie viel tiefer moralischer Entrüstung dieser Autor einst, damals noch als Ressortleiter Kultur, in nicht ganz so zurückgelehnter Interpretation Menschenverachtung in einem Kolumnentext gefühlt haben wollte und der freien Autor*in, nicht als einziger muss man leider festhalten, öffentlich in den Rücken fiel.

Woher also kommts laissez-faire auf einmal? Ach, der Mann gehört zur kleiner werdenden Gruppe der Israel-solidarischen tazler. Ja, dann muss er natürlich das Gegenteil zu den andern schreiben. Worum gings doch gleich nochmal? Antifaschismus? Öffentlich-rechtliches Duckmäusertum?

Das ist kein Diskurs, das ist ein Stellungskrieg. Wir liegen unbeweglich in unseren Gräben und schießen blind aufeinander, während der Panzer der Geschichte über uns hinwegrollt. Es wird nichts gelernt, nichts entwickelt, einfach nur alles ad nauseam wiederholt. In Stadionlautstärke. Demagogisches Rauschen ohne Erkenntniswert und vor allem: ohne Wirkung. Oder besser gesagt, ohne produktive, positive Wirkung. Denn da wird nichts mobilisiert außer dem jeweils eigenen Ressentiment.

Ich fürchte, in diesem Komplex liegt auch eine der Antworten darauf begraben, warum es inmitten eines der größten Angriffe auf Sozialstaat, Bürger*innen- und Menschenrechte so wenig sichtbare organisierte und organisierende Gegenwehr gibt. Wenn das Plenum nämlich endlich so weit ist, den drölfzigsten Formelkompromiss in Sachen Nahost zu verabschieden oder bei günstigen Zahlenverhältnissen die gegnerische Partei aus dem Raum gemobbt wurde, bleiben nicht mehr gar so viel Ressourcen, sich um die eigentliche Sache zu kümmern.

Vielleicht mal durchatmen, eine Runde im Park drehen zum Beispiel? Achja. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis jemand am Waldspielplatz die Free-Gaza-Schnitzereien mit “… from Hamas” ergänzt.

im Bild oben: bisschen selbsterklärend.

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