Hektische Unbeweglichkeit

Politische Auseinandersetzung ist schon immer auch im öffentlichen Raum zu Hause. Plakate, Tags, Sticker, mit etwas Glück mal ein aufwendigeres Mural. So war es jetzt keine große Überraschung zu entdecken, dass jemand im Plänterwald (das ist gewissermaßen die größere Verlängerung des Treptower Parks im Berliner Südosten) Holzelemente mit Free-Gaza-Schriftzügen ritzt (oder brennt eventuell?). Da steckt durchaus ein bisschen Mühe drin, allerdings fragte ich mich, am Waldspielplatz verweilend, wer so viel Energie hat und es für eine kluge Idee hält, die an so einen wenig frequentieren Ort zu verschwenden, jetzt mal unbesehen, wie wichtig das Anliegen sein mag.

A. meinte, dass das ganz junge Menschen wären, da gebe es viel Überschuss, der sich halt Bahn breche. Vernunft sei nicht das allererste Kriterium, mehr Bestimmung, Gemeinschaft, Erlebnis. Tom Strohschneider verwies kürzlich in einem Sammelbeitrag zu Konflikten in der Linkspartei auf Shulamit Volkov, die schon in den 1980ern für die Einnahme bestimmter Standpunkte konstatierte, dass es weniger um die genaue inhaltliche Ausgestaltung, sondern mehr um „Erkennungszeichen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten, subkulturellen Milieu“ ginge. Ich ergänze in Gedanken, dass diese Beobachtung bestimmt auch auf die zu den Standpunkten gehörende Praxis ausdehnbar ist. Kritik-Selbstkritik-Orgien, Hochdienerei in den Strukturen und die eine oder andere nicht unbedingt sinnvolle Zu-Fuß-Arbeit als, gegebenenfalls auch selbst auferlegter, Loyalitätsbeweis. Und so landet man dann im Plänterwald am Waldspielplatz. Oder bei der Zeitung.

Die Kraft des guten Arguments ist bekanntermaßen ohnehin viel geringer als man gemeinhin erwarten möchte. Wenn es jedoch zum Israel-Palästina-Komplex kommt, kann man getrost jegliche Hoffnung auf produktiven Austausch fahren lassen. Wenn es den Ausdruck Tribalismus nicht schon gäbe, dafür hätte er erfunden werden müssen. Beispielhaft illustrierte das in der vergangenen Woche die taz mit ihrer Meinungsschiene zur Ausladung von Igor Levitt und Danger Dan durch das ZDF. Sage und schreibe vier Kommentare zu einem einzigen Sachverhalt leistete sich der Laden, an den meine Erinnerung als Chef vom Dienst ist, dass es sonst wegen der viel zu dünn gestreckten Ressourcen bisweilen schwierig war, auch nur einen Text zu einem aktuellen Thema von Weltrang zu bekommen.

Na jedenfalls, während von der Münchner Abendzeitung bis zur Zeit allerlei berechtigte ÖR-Schelte betrieben wurde, gelang der taz gleich mehrfach das, was man zu meiner Zeit dort euphemistisch “steile These” nannte.

So gibt ein alter tazler dem ZDF recht, und findet es OK, dass die Aussendung der “fragwürdigen Antifa-Romantik” und des Aufrufs zu “Doxxing” und “Selbstjustiz” unterbunden wird. Überrascht? Die Verteidigung bestimmter, durchaus auch robusterer Meinungen, vorneweg das Recht auf Leugnung des Existenzrechts Israels, ist dem selben Autor sonst ein überaus engagiertes publizistisches Anliegen. Dass es da einen Zusammenhang geben könnte impliziert ein jüngerer tazler, der in seinem Kommentar den beiden Musikern vor allem ihr gutes Verhältnis zu Israel vorwirft. Ok, das ist ja auch der Kern der Auseinandersetzung grad. Oder? Oder nicht? Wie genau soll denn eine Verständigung möglich sein, wenn jeder, wirklich jeder Anlass offen oder verdeckt von dem einen gekapert wird?

Die taz wäre nun nicht die taz, wenn es (neben dem immerhin einen offensichtlich richtigen Kommentar) nicht auch auf skizzierter Meta-Ebene noch eine Antwort gäbe. So ertüchtigt sich also ein Kulturkorrespondent der Textexegese und empfiehlt, gelassener und überhaupt solidarisch an die Sache heranzugehen. So weit, so gut. Allerdings erinnere ich mich, mit wie viel tiefer moralischer Entrüstung dieser Autor einst, damals noch als Ressortleiter Kultur, in nicht ganz so zurückgelehnter Interpretation Menschenverachtung in einem Kolumnentext gefühlt haben wollte und der freien Autor*in, nicht als einziger muss man leider festhalten, öffentlich in den Rücken fiel.

Woher also kommts laissez-faire auf einmal? Ach, der Mann gehört zur kleiner werdenden Gruppe der Israel-solidarischen tazler. Ja, dann muss er natürlich das Gegenteil zu den andern schreiben. Worum gings doch gleich nochmal? Antifaschismus? Öffentlich-rechtliches Duckmäusertum?

Das ist kein Diskurs, das ist ein Stellungskrieg. Wir liegen unbeweglich in unseren Gräben und schießen blind aufeinander, während der Panzer der Geschichte über uns hinwegrollt. Es wird nichts gelernt, nichts entwickelt, einfach nur alles ad nauseam wiederholt. In Stadionlautstärke. Demagogisches Rauschen ohne Erkenntniswert und vor allem: ohne Wirkung. Oder besser gesagt, ohne produktive, positive Wirkung. Denn da wird nichts mobilisiert außer dem jeweils eigenen Ressentiment.

Ich fürchte, in diesem Komplex liegt auch eine der Antworten darauf begraben, warum es inmitten eines der größten Angriffe auf Sozialstaat, Bürger*innen- und Menschenrechte so wenig sichtbare organisierte und organisierende Gegenwehr gibt. Wenn das Plenum nämlich endlich so weit ist, den drölfzigsten Formelkompromiss in Sachen Nahost zu verabschieden oder bei günstigen Zahlenverhältnissen die gegnerische Partei aus dem Raum gemobbt wurde, bleiben nicht mehr gar so viel Ressourcen, sich um die eigentliche Sache zu kümmern.

Vielleicht mal durchatmen, eine Runde im Park drehen zum Beispiel? Achja. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis jemand am Waldspielplatz die Free-Gaza-Schnitzereien mit “… from Hamas” ergänzt.

im Bild oben: bisschen selbsterklärend.

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Vorbei, vorbei

Neulich stolperte ich auf Mastodon über einen interessanten Gedanken. Ausgehend von der gemeinhin geteilten Beobachtung, dass eventuell die Baseballschlägerjahre zurück seien, stelle sich doch die Frage, wie genau die eigentlich mal zu Ende gegangen wären. Das vorgetragene Erkenntnisinteresse erschließt sich sofort: „Gibt es hier Muster aus der näheren Historie, die sich aufs Heute übertragen und wiederholen lassen?“

Ich kann immerhin sagen, wann die Baseballschlägerjahre vorbei waren: In dem Moment wo ich aus der Betonburg meiner Jugend raus war. Da genügte bereits das Jahr Wehrdienst als Abstand. Auslandsaufenthalt, Studium, Wohnen im Stadtzentrum taten ihr übriges.

Spät in den 90ern, das Rostocker JAZ war zu der Zeit noch sehr zentral gelegen zwischen Fußgängerzone und Universitätsimmobilien, spielte ich dort an einem Abend Billard mit einem mir bis dahin nicht bekannten ein paar Jahre jüngeren Menschen. Im halbkaputten Schummerlicht, mit dem Blick ohnehin die meiste Zeit auf dem Tisch, war ich mir nicht ganz sicher, aber der schien mir ein recht großes Feuermal auf der einen Gesichtshälfte zu haben. Dass das aber ein Bluterguss war, realisierte ich erst, nachdem er erzählte wo er herkam, wie ich aus den Neubaugebieten des Rostocker Nordwestens nämlich und dass er grad wegen Schmerzen etwas Mühe habe, aufzutreten. Zum Gesicht eine beiläufige Bewegung. Ein echter Mecklenburger eben. „Achso ja, das auch. Das is frisch.“

Achso ja, vorbei für mich.

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Wieder reingezogen wurde ich dann um die Jahrtausendwende. Meine Versuche, in Berlin journalistisch zu landen, führten mich eher unwillig zurück nach Wismar, nach Greifswald, nach Dessau. Ich kam aus dem Osten, hatte hier und da noch lose Kontakte. Niemand konnte die Toten erklären. Selbst sie zu zählen ist ja bis heute ein schwieriges Unterfangen. Ich habs nicht lange ausgehalten. Hinterbliebenen gegenübersitzen, deren Schmerz für eine Öffentlichkeit zu moderieren, die es entweder nicht hören will oder schon weiß, dass der Osten halt so ist… Das war ein bisschen zuviel Gewicht auf das Gepäck drauf, dass ich, immer noch ziemlich jung, ohnehin schon mit mir rumtrug.

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Meine andere Erinnerung stammt ungefähr aus derselben Zeit, ein bisschen später vielleicht, wahrscheinlich Landtagswahlkampf 2002 in MV. Ich wohnte schon eine ganze Weile nicht mehr dort, die Heimatbesuche wurden sporadischer. Mich verwunderte damals beim Gang durch Rostock-Schmarl, dass anders als früher die Faschos gar nicht mehr zur Bewachung ihrer Wahlplakate patroullierten. Ja, aber klar doch, niemand überklebte oder riss die ab. Vorbei, vorbei.

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Das wäre mein Muster aus der näheren Historie. Selbstverständlich gibt es Konjunkturen bestimmter Gewaltformen und Ausbrüche, die konkreten Umständen entwachsen, oftmals von Zufällen geprägt, die sich dann gegenseitig verstärken oder abflachen. Das Gefühl einer Verbesserung zu bestimmten Zeiten ist jedoch bisweilen nur eines der eigenen Nichtbetroffenheit. Bedrohungspotential ist eben schwer von außen messbar. Wer nicht sehr genau hinschaut, übersieht den Schatten des Baseballschlägers leicht. Einige der Antworten im besagten Mastodon-Thread zielen denn auch ein wenig in diese Richtung.

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Radikalisierung und Brutalisierung können als einigermaßen stetiger Prozess beschrieben werden, der aber eher schubweise, in Abständen sichtbar wird. Die sind einerseits geprägt von den offensichtlichen Konjunkturen, andererseits aber auch von beiläufiger Ignoranz oder dem aktiven Nichtsehenwollen der Mehrheitsgesellschaft.

Es kann durchaus sein, dass die Geschichte der sogenannten Baseballschlägerjahre so unvollständig geschrieben ist, dass nicht einmal klar ist ob und wann sie je zu Ende waren. Die Frage, wie sie in historischer Analogie zu bekämpfen wären, ließe sich demzufolge derzeit auch nur als negativer Ausschluss, als „so nicht“, beantworten. David Begrich macht das zum Beispiel bei den Blättern mit einem knappen, informierten und klaren Beitrag wider das schon in den 1990ern offensichtlich fehlgeleitete Konzept der akzeptierenden Jugendsozialarbeit mit den Rechtsextremen.

Auch Begrich geht dabei ganz automatisch von der „Welle rechter Gewalt wie in den 1990er Jahren“ als etwas zunächst Vergangenem aus. Das ist sicher gut begründet, und vielleicht ist es ja auch einfach so, dass es verschiedene Stadien gibt, die mit messbaren Faktoren auch gut genug für eine valide Etappen-Erzählung voneinander abgrenzbar sind.

Als Baseballschlägerjahre könnte dann das konkrete, zeitlich begrenzte Geschehen bis etwa zur Jahrtausendwende bezeichnet werden. Es ließe sich argumentieren, dass dann für ein gutes Jahrzehnt die innere Radikalisierung entscheidender wird und die Konsolidierung der Szene (unter Begleitung der Verfassungsschutzbehörden, nebenbei bemerkt), inklusive Ausbildung eines im Untergrund operierenden terroristischen Organisationsteils (unter Begleitung, achundsoweiter).

Darauf folgt der Aufstieg eines lange umkämpften parlamentarisch hegemonialen Arms der Bewegung. Diese Schritte gehen aber jeweils nicht zu Ende, sondern ineinander über. Es gibt ideelle und personelle Verbindungen, Wiederholungen, auch Abweichungen. Bei dieser Betrachtungsweise verliert die Ausgangsfrage, zumindest ihrem Wortsinne nach, ein wenig den Sinn. Schließlich geht sie, wenn auch nur von einem vorläufigen Abschluss, aber doch von einer irgendwie erfolgreichen Befriedung der Situation aus. Die ist so nicht erfolgt, würde ich mal vermuten. Das zeitweise Fehlen potentieller Opfer im Nahfeld und die szeneinternen Organisations- und Konsolidierungsbestrebungen hatten eventuell den Effekt einer zeitweise verminderten Straßengewalt (und nicht einmal da wäre ich mir pauschal sicher. War schon lange nicht mehr Billard spielen). Jedenfalls war das gewiss kein Zeichen des Erfolgs im Zurückdrängen der Gefahr.

Wenn sie also nicht im engeren Sinne zu Ende gingen, kommen sie dann überhaupt wieder, die Baseballschlägerjahre? Die konkrete Situation der allgemeinen Gesetz- und Zukunftslosigkeit auf dem Gebiet des ökonomisch, politisch und kulturell implodierten einen deutschen Staates hat ja derzeit keine unmittelbare Entsprechung (künftige Näherungen durch Klimakatastrophe und sonstige übermächtige Faktoren sind da nicht ausgeschlossen).

Auch hat sich die Personalsituation ja geändert – und das nicht unbedingt zugunsten der progressiven Kräfte. Der parlamentarische Arm allein macht da schon einen bedeutenden Unterschied. Das Gaslighting der 90er Jahre war schlimm genug, die aktive Organisationsarbeit durch eine bundesweit etablierte Struktur ist da eine erheblich andere Nummer. Bestimmte Erscheinungsformen mögen da selbstverständlich ähnlich sein, ihre Einbettung aber hat eine völlig andere Qualität.

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Aber auch auf der anderen Seite hat sich einiges getan. Ich denke zum Beispiel, dass Austausch und Gegenwehr mehr geworden sind und ein größeres, wenn auch in Teilen vages Bewusstsein für die Dringlichkeit des Handelns besteht. Sowas wie die organisierten Anreisen von Unterstützer*innen zu den ganzen Provinz-CDS zum Beispiel wäre vor 30 Jahren so nicht passiert. Es hätte diese CSDs schon gar nicht gegeben. Gut, dass es jetzt anders versucht wird.

Der aktuelle Stand präsentiert bei allen Ähnlichkeiten seine eigenen Herausforderungen und Kämpfe, für die Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden können und müssen. Dennoch wird diese Phase irgendwann ihren eigenen Namen bekommen. Einen der vielleicht mal nicht die Waffe der Faschos in sich trägt, sondern mehr vom Widerstand erzählt. Und wenn man sich anschaut, wo im Moment die vorderste Kampflinie verläuft, ob nun in Bernau oder im Bundestag, würde ich sagen, wird das irgendwas mit Regenbogen oder so sein.

im Bild oben: Es wird nicht leichter…

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Irgendwie unwahrscheinlich

„Angesichts des inflationären Gebrauchs des Wortes »faschistisch» täte eine genaue Bestimmung schon not.“ – schrieb Franz Fühmann Anfang der 1970er und seitdem ist die Lage nicht besser geworden. Sowohl die mit der Inflation, als auch die mit der Tatsache an sich. Also bin ich in der vergangenen Woche zur Weiterbildung ins Literaturforum gegangen. „Faschismus – erleben wir ein Comeback?“ hieß die Veranstaltung. Sie kann, abzüglich der durchaus ganz interessanten Fragerunde, auf Youtube (leider keine konzernfreie Option gefunden) nachgeschaut werden.

Was ich sehr interessant und anregend fand, war das allgemeine Unbehagen mit dem F-Wort selbst, bei gleichzeitiger Anerkenntnis, dass die bisherigen Versuche, den Pudding an die Wand zu nageln nicht hinreichen. Rechtspopulismus ist als beschreibende Vokabel doch etwas abgegriffen und unscharf. Der vielleicht entscheidende Satz fällt gleich am Anfang von Mario Candeias: „Wir haben Faschisten, jede Menge, aber keinen Faschismus.“ Alle Versuche, danach zu einer Einigung zu kommen, wann denn nun wirklich vom ordentlichen F. gesprochen werden kann, müssen zwangsläufig dahinter zurückfallen.

Denn spätestens, wenn wir der validen und gut begründeten Position folgen, welche die organisiert ausgeübte massenhafte und auch tödliche Gewalt und im Kern dann staatsterroristische Herrschaftsausübung als notwendige Bedingungen bezeichnet, spätestens dann kann Faschismus eigentlich nur ex-post, gewissermaßen aus dem Massengrab heraus als solcher benannt werden. Aber er ist eben als Idee, als Möglichkeit vorher präsent, wenn auch manchmal nur als unterschwellige Drohung. Auf jeden Fall aber sind seine Träger, die Faschisten, da. Wie die Teilnehmer*innen dieser Runde im Brechthaus in konstruktiver Diskussion mit dieser Spannung umgehen, fand ich wie gesagt sehr anregend.

Es gibt in dem Gespräch mehrfach Momente, wo die Vortragenden beinahe etwas lachen müssen. Ich will da nichts unterstellen, aber ich hatte schon den Eindruck, dass es dieses leicht peinlich berührte, ausweichende Lachen ist, das einen gewissen Unglauben verrät. Mindestens einmal wird es auch genauso ausgesprochen, dass bestimmte Sorgen (Stichwort: „Flucht“) irgendwie übertrieben wirken. Ich bin weiterhin der Überzeugung, dass dieser Unglauben zwar nachvollziehbar, aber völlig fehl am Platz ist. Glaubt eurem Gefühl!

Es ist zwar richtig, dass derzeit keine bewaffnete SA durch die Straßen marschiert. Aber erstens wird an diversen Minderheiten, allen voran Geflüchteten, von den zuständigen staatlichen Stellen die gewaltförmige Entrechtung bereits fleißig eingeübt. Zweitens gibt es keine Empirie, die mich davon überzeugt, dass es nicht eine gefährlich große Gewaltbereitschaft in der deutschen Bevölkerung gegen die als feindlich markierten Gruppen gibt. Da gibt es eventuell ein nicht zu unterschätzendes kurzfristig aktivierbares Potential. Es bleibt dabei: Dieser Unglauben, den man gehässigerweise Naivität nennen kann, der aber in Wirklichkeit Ausdruck tiefer Menschlichkeit ist, munitioniert den F. leider zusätzlich auf. Denn die unmittelbare Bereitschaft zum voraussetzungslosen Einsatz brutaler Gewalt ist sein entscheidender taktischer Vorteil.

„Wir haben Faschisten, jede Menge“ – der Satz kann an dieser Stelle enden, denn alles was danach zu sagen wäre, ist eine Frage des Datums, und wird dann rückblickend von Historiker*innen diskutiert werden.

Tatsächlich ist das ja das eigenartige mit dem F., dass er keine kohärente Ideologie ist. Er ist ein opportunistisches Mosaik, sehr in der Situation aufgehend. Wie ein ständiges A/B-Testen läuft das ab. Womit komme ich durch, wo gibt es Hemmnisse? Wie lassen die sich umgehen? Deshalb ist der Antifaschismus ja so wichtig. Er ist die Grenzziehung, die Antwort bereits auf den Test, die Antwort auf den Faschisten, bevor es zum Faschismus kommt. Eine Aufgabe bei der die sogenannte bürgerliche Mitte bekanntermaßen ständig versagt.

Die Faschisten ohne Faschismus sind ja nebenbei auch ein invertiertes Echo jenes historischen („Hitler war’s, nicht ich.“) Faschismus ohne Faschisten. Beides aber ist irgendwie unwahrscheinlich. Und das sollte uns mit Blick auf die nähere Zukunft doch ein wenig beunruhigen, denke ich.

Fühmann nörgelte übrigens nicht nur, sondern machte auch einen Versuch, die Begrifflichkeit etwas einzugrenzen und weil er es so schön knapp zusammenfasste, zitiert es sich besser als Eco, der durchaus ähnliche Punkte aufführt: „Gemeinsam im Ideologischen scheint mir bei allen Spielarten [des Faschismus] jüngster Vergangenheit und Gegenwart: elitäre Massenverachtung bei gleichzeitiger Sehnsucht nach dem Aufgehn im Anonymen (»Magie der Viererreihe»); militanter Nationalismus bei gleichzeitigem Bemühn, eine Internationalität herzustellen; starres Schwarz-Weiß-Denken; Verherrlichung des Brutalen, Grausamen, Blutigen, Vorgesellschaftlichen bei gleichzeitiger Faszination durch Technisch-Industrielles; Verlangen nach Militarisierung des gesamten gesellschaftlichen, ja persönlichen, ja privaten Lebens bei gleichzeitiger Bejahung des anarchischen Kampfs aller gegen alle; Denunziation von Vernunft, Gewissen und Bewußtsein; Führerprinzip; Demagogie; Fanatismus; extremer Antikommunismus – und eben dies alles zusammen, nicht isoliert“ („22 Tage oder die Hälfte des Lebens“, Rostock 1973, Seite 84)

oben im Bild: Hört auf Computer!

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Die Rechnung bitte

Die Erinnerungen an den 40. Jahrestag sind etwas verwaschen, wahrscheinlich eine Melange aus mehreren als Schüler in der DDR erlebten Jubiläen. Es gab da gewisse Überlappungen zwischen den Anlässen, Reden, Fahnen, Gesang, Applaus. Eine Art vereinheitlichter Liturgie aus Kyrie, Credo und so weiter. Also versuchte ich mir das konkreter werden zu lassen in der Vergegenwärtigung der Friedensfahrt.

Dieses Fahrrad-Etappenrennen war in jedem Mai ein mit Spannung erwartetes Ereignis. Die Junge Welt druckte zum Beginn, ich glaube doppelseitig, den Tourplan und dann jeden Tag ein auszuschneidendes Passfoto des Gewinners, das in einen dafür vorgesehen Rahmen in diesen Plan eingeklebt werden konnte. Ich habe Olaf Ludwig und Uwe Ampler recht oft und enthusiastisch geleimt. Panini dall’oriente.

Ich dachte, die Friedensfahrt von 1985 sei die mit Etappen in der Ukraine gewesen, aber nein, das war erst ein Jahr später, wie mich die Wikipedia erinnert. Wenige Tage nach Tschernobyl ausgerechnet, weswegen die meisten westlichen Teams auf den Start verzichteten. Der Witz vom strahlenden Sieger bot sich an und wurde auch ad infinitum gerissen.

Nein, ‘85 gab es nur einen kurzen Ausflug nach Moskau, ansonsten die Traditionsroute durch die Tschechoslowakei, Polen und die DDR. Olaf Ludwig, der aus heute nicht mehr rekonstruierbaren Gründen mein Idol war (wahrscheinlich einfach der Sog des Erfolgs), konnte wegen Krankheit leider nicht teilnehmen. ‘86 dann wieder strahlender usw.

Jedenfalls, das Ende des zweiten Weltkrieges war 1985 genauso weit weg, wie in die andere Richtung das aktuelle Jahr. Der direkte Kontakt zu Zeitzeug:innen, Widerstandskämpfer:innen beispielsweise und KZ-Überlebenden war schon allein über Vorträge in der Schule und andere Aktivitäten die der Festigung unserer sozialistischen Persönlichkeit dienen sollten, noch regelmäßig gegeben. Der seltsame erinnerungspolitische Spagat, gleichzeitig besiegt und befreit zu sein, funktionierte ganz reibungsarm für mich. Wir waren die Guten, eine Nation aus Jung- und Thälmannpionieren. Selbstverständlich waren wir befreit worden.

Anders als Gleichaltrige in vielen anderen Familien, war ich außerdem nicht mit Altvorderen konfrontiert, die der offiziellen Linie zum Beispiel mit eigenen Heldengeschichten aus dem Krieg widersprachen. Die Verwandten, mit denen ich näher zu tun hatte, waren ziemlich linientreu und außerdem schlicht zu jung, um selber Täter oder überhaupt irgendetwas aktives gewesen zu sein. Auf dem Nachttisch der einen Urgroßmutter ein Foto von einem Mann in Uniform. Die einzige direkte Verbindung zu – ja, wozu eigentlich? Das war so fremd, dass sich dieser kurze Moment bis heute eingeprägt hat. Ein gerahmtes Bild in der Wohnung der mir ansonsten unvertrauten, vielleicht zweimal überhaupt nur getroffenen Person.

Die Beschäftigung mit deutscher Schuld und Verantwortung verließ bald darauf wegen bekannter historischer Umstände den offiziellen Pfad, oder besser: der Pfad war weg. Der Bogen zurück kam dann vor allem über Shoa-Erinnerung. Ohne Wertung gesprochen, als Beobachtung eher, habe ich das Gefühl, dass der Krieg darüber in den Hintergrund trat. In der DDR also hauptsächlich heldenhafte Sowjetarmee und kommunistischer Widerstand. Danach Fokus auf Genozid und Gerechte unter den Völkern. Immer auf der guten Seite, immer bereit.

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„Auf unserem Boden“ – das ist die vielleicht am häufigsten in den Interviews auftauchende Wendung in Swetlana Alexijewitschs „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“. Da klingt das Entsetzen über und ein Quell der Widerstandskraft gegen den Aggressor durch. In den Protokollen der Soldatinnen, Krankenpflegerinnen, Fliegerinnen, Partisaninnen … wird vieles sichtbar gemacht. Verbitterung, Liebe, Ungerechtigkeit, (zum Teil bestialische) Gewalt, tiefe Verletzungen körperlicher wie seelischer Art, Heldinnenmut. Es gibt Spuren von Kritik an blinder Gefolgschaft, schlechter Versorgung, schwacher militärischer Führung.

Wie ein roter Faden zieht sich aber die Bindung zum eigenen Land, auch im ganz physischen Sinn, durch die Erzählungen. Aus Nebenbemerkungen wird deutlich, dass das schon vor 40 Jahren (das Buch erschien 1985) ein der Generation eigenes Phänomen, zumindest in dieser starken Ausprägung, zu sein scheint. Kleine Entschuldigungsfloskeln, im Sinne von, „so sind wir erzogen worden“, „haben geglaubt“, „anders als die jungen Leute heute“ deuten da Veränderungen in Haltung und Wahrnehmung an.

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„Ich erinnere mich, wie ein verwundeter deutscher Soldat die Hände in die Erde krallte, er hatte Schmerzen, doch ein russischer Soldat sagte zu ihm: ‚Hände weg, das ist meine Erde! Deine ist da, wo du hergekommen bist …‘“ Maria Wassiljewna Pawlowez, Partisanenärztin (aus S. Alexijewitsch, „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“)

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Auf unserem Boden.

Kein Zweifel bleibt bei den Interviewten an der Alternativlosigkeit. Sie wollten und mussten aktiv teilnehmen. Sozusagen Teil der Geschichte werden, sie nicht einfach nur geschehen lassen, sie nicht einfach anderen überlassen. Der darin schwelende Widerspruch zum tradierten Geschlechterbild wird dann wieder in der Nachkriegszeit problematisch. Die da beschriebenen Szenen von Zurückweisung und Verachtung lasen sich für mich fast schwerer als die Berichte von den Kriegsgräueln.

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Debattenbeiträge zu Sondervermögen, Waffenlieferungen, Wehrpflicht und so weiter gibt es ja im Überschuss. Die Unmittelbarkeit der Kriegsdrohung wird da sehr unterschiedlich empfunden, die potentielle eigene Betroffenheit ebenso. Ich finde gut, dass es dabei auch hörbare Wortmeldungen aus der Generation derer gibt, die am ehesten einberufen würden. Trotzdem kommt mir da einiges schief vor. Häufig wird der individuelle Entscheidungsspielraum überschätzt, denke ich. Wenn das Faktische mit Panzern vor dem Hoftor steht, entwickelt es doch noch einmal eine ganz eigene Macht, und die wirkt nicht unbedingt in vorhersehbarer Weise. Egal, geschenkt.

Zu sagen, dass man nicht bereit sei, für irgendwelche abstrakten Ideen, einen ohnehin abgelehnten status quo gar, zu sterben oder zu töten, ist individuell eine völlig ehrenwerte und zu respektierende (im Sinne von: niemand sollte zu gegenteiligem Handeln gezwungen werden) Einstellung. Als politisch über die einzelne Person hinausweisende Idee, wird das aber ein bisschen dünn.

Ein Problem entsteht in meinem Verständnis nämlich, wenn organisierter Antimilitarismus oder Pazifismus so unterkomplex argumentiert, wie es leider immer wieder vorkommt. Waffen ganz allgemein, oder meinetwegen auch nur bestimmte Waffen abzulehnen ist ok. Nicht darüber nachzudenken (oder aktiv darüber zu schweigen) aber, welche Folgen so ein Programm hat, kommt mir entweder politisch naiv oder intellektuell unredlich vor.

Jede Handlung hat ihren Preis. Wie hoch er ist und wer ihn bezahlt, das sollte schon Teil der Überlegung sein. Das gilt selbstverständlich auch für die Frage danach, warum die Gewährleistung der Verteidigungsfähigkeit eines Landes sich automatisch in Kapitalgewinnen privater Anleger widerspiegeln muss und in letzter Konsequenz immer nur als Zwangsmaßnahme vorstellbar zu sein scheint.

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Vor einigen Tagen ein zufälliges Gespräch mit einer jungen Frau aus der Ukraine. Sie lebt und arbeitet in Kiew. Grad war sie auf Urlaub, eine Freundin besuchen, mal durchatmen. Sonst mache sie das gelegentlich bei der Familie ganz im Westen des Landes. Da sei die Lage etwas entspannter.

Eingeprägt hat sich mir die Schilderung ihrer Einkaufsroutine unter Angriffsbedingungen. Je nachdem, wie weit die in der Warnapp angezeigten russischen Drohnengeschwader noch von der Stadt entfernt sind, falle die Entscheidung für den eiligen Weg zum teureren Laden oder den etwas weiter entfernten für günstigere Besorgungen.

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Zur Aussetzung der Wehrpflicht (auch schon wieder fast 15 Jahre her, meine Güte…) hatte ich ein gewisses Unbehagen. Nicht, weil ich es den jungen Männern nicht gönnte, dass ihnen der Zwangsdienst erspart bleibt. Ich nehme diesem Staat das gestohlene Jahr bis heute übel. Auch nicht, weil ich eine irgendwie ausgereifte verteidigungspolitische Position gehabt hätte oder habe, die eine allgemeine Wehrpflicht erfordert. Oder überhaupt irgendeine verteidigungspolitische Position. Bin ja kein stellvertetender Bezirkskassier irgendeines SPD-Ortsverbands.

Nur die, die gerne in den Krieg ziehen wollen, die „Soldat“ für einen erstrebenswerten Beruf halten, denen traue ich bis heute nicht so recht über den Weg. Die alleine zu lassen mit den ganzen Knarren – nunja.

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„Das war wie gesagt Stalingrad … Die schlimmsten Tage des Krieges … Aber ich konnte trotzdem nicht töten. Einen Menschen einfach sterben lassen … Mein Brillantstück du … Man kann nicht ein Herz für den Hass haben und eins für die Liebe. Der Mensch hat nur ein Herz, und ich dachte immer daran, mein Herz zu bewahren.“ Tamara Stepanowna Umnjagina, Garde-Unteroffizier, Sanitätsinstrukteurin (aus S. Alexijewitsch, „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“)

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Tatsächlich würde ich gerne, zumindest solange es noch Armeen und Gewehre gibt, zuallererst die, die glaubwürdig nicht töten wollen, bewaffnen. Stärker sind sie sowieso, aber dann könnten sie auch einmal den andren zügiger die Rechnung präsentieren.

im Bild oben: Statue im sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow

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Wir sind alle nur menschlich

Nach Durchsicht alter Lesebühnentexte habe ich immerhin einen gefunden, der die wenig glorreiche Rostocker Jugend zum Thema hatte. Circa 2003 also, mit vielleicht zehn Jahren Abstand (plus die knapp 250 km zwischen Lichtenhagen und Friedrichshain), habe ich da auf ein paar Lacher kalkuliert. Warum auch nicht. Nachfolgend dokumentiert der Versuch, eine (in der Sache tatsächlich komplett wahre) eher traurige Geschichte bühnentauglich zu machen.

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Erich Honecker schaute mir auf den Teller. Erich Honecker. Mit seinen gütigen Augen, die Lippen umspielt von einem milden Lächeln, schaute er mir auf den Teller. Es gab Milchreis. Das war nichts besonderes, in der Schulspeisung gab es oft Milchreis. An der Essensausgabe stellten sie dir den Teller hin, du gingst zu deiner Hortgruppe und setztest dich. Auf dem Tisch standen zwei Schüsseln, in denen je ein Löffel steckte. Einmal Zimt, einmal Zucker.

Zucker sollten wir schön viel nehmen auf den Milchreis. Überall sollte man sparen, bloß nicht beim Zucker. Der kam aus Kuba. Davon mussten wir ganz viel essen, um den Weltmarktpreis zu stabilisieren und so dem kleinen Bruderland kameradschaftlich unter die Arme zu greifen. Obwohl Zucker ja gar nicht gut ist für die Zähne.

Das war immer ein munterer Schlagabtausch im Politbüro, wenn die Ökonomen mit den Verantwortlichen für die Volksgesundheit diskutierten:
„Unsere Menschen müssen mehr Zucker essen, um dem Klassenfeind die Zähne zu zeigen!“
„Der Genosse Ökonom meint wohl die von Karies zerfressenen Restposten in den fauligen Mäulern unserer Menschen?“
„Ah, da hört man doch gleich wieder den Zynismus des Genossen Volksgesundheitlers. Es mangelt ihm anscheinend an der Fähigkeit, die Prioritätensetzung der Partei zu erkennen.“
„Und dem Genossen fehlt es anscheinend an Respekt vor der großen Aufgabe, die Volksgesundheit zu gewährleisten.“
„Der Genosse hat wohl schon die Zeit seines Urlaubs in Sibirien vergessen?“

Jener Genosse schwieg daraufhin und so aßen wir jede Menge Zucker. Mit Erfolg, wie ich sagen darf, zehrt Fidel Castro doch noch immer von unserem damaligen Zuckerverbrauch. Und selbst noch das kapitalistische westdeutsche Gesundheitssystem haben wir mit unseren kranken Zähnen inzwischen an den Rand des Kollaps‘ gebracht.

Gütig lächelt Erich Honecker zu allem. obwohl er bestimmt nicht mehr in meiner alten Schulspeisung hängt, wie er es damals tat, als er noch darauf zu achten hatte, dass ich mein Essen nicht gegen Matchboxautos an Sören Wagner verschacherte. Sören war der unbegabte Sproß einer Stasi-Familie und hatte vor allem einen Hang zu Hunger und Fettleibigkeit geerbt. Eigentlich ein ganz netter Kerl, den ich im Rahmen einer Pionierpatenschaft betreute. Wir machten zusammen Hausaufgaben.

Zumindest daran, dass er den Wechsel von der fünften in die sechste Klasse schaffte, war ich mitschuldig. Sören hat mir das nie vergessen. Auch nicht als herausragender Nazischläger, der er später war. In der Betonburg, die mir den größten Teil meiner Kindheit und Jugend Heimat war, galt ich dann als sein persönliches Haustier und das kam so:

Eines gar nicht so schönen Tages, ich war gerade auf dem Weg zur elterlichen Wohnung, trat mir so ein Lümmel, samt seiner 12 (in Worten: zwölf) Kumpanen in den Weg und informierte mich, dass er gehört habe, es gebe hier noch einen Linken. Ich heuchelte Entsetzen und brabbelte irgendwas von wegen, dass das ja wohl nicht die Möglichkeit wäre, und wo der wohl herkäme, dieser Linke.

Mit einem reichen Erfahrungsschatz versehen, wusste ich natürlich, worauf das alles hinauslaufen würde. Und, wie konnte es anders sein, unterbrach mich der Wegelagerer unwirsch und meinte, dass er gehört habe, dass ich dieser Linke sein soll.

Tja, wie soll man sich da rauswinden, vor allem wenn dafür angesichts der ersten schon niedersausenden Schläge, gar keine Zeit bleibt. Weglaufen wird auch ungemein erschwert, wenn man erst einmal am Boden festgehalten wird. Nun, ich will gar nicht groß auf die Einzelheiten eingehen. Schon allein deshalb, weil ich mich noch am selben Tag kaum an irgendetwas erinnern konnte.

Die Sache hatte aber ein ungewöhnliches Nachspiel. Sören Wagner, zu der Zeit schon mit einem recht gefestigten Ruf als Anführer einer üblen Nazibande versehen, bekam von meiner Abreibung Wind und beschloss darauf hin, dass so etwas in seinem Revier aber nicht ginge. Er erkundete also, wer da über die Stränge geschlagen hatte und klärte den Rädelsführer auf gewissermaßen familiäre Weise über die informelle Ordnungsstruktur des Stadtteils auf.

Die Blutspur auf der Straße war noch Tage später zu sehen. Auch im Haus. Meinem Haus. Dahin schleifte der gute Sören sein Opfer, also meinen Täter, nämlich, um uns einander vorzustellen. Ich weiß nicht, für wen die Situation unangenehmer war. Also, rein körperlich natürlich für den anderen. Aber auch ich fühlte mich ein wenig gedemütigt, als Sören uns, na, ich sag mal: bat, einander die Hände zu geben.

„Und du, Tobias, du entschuldigst dich jetzt, danach reden wir weiter.“ Mit Panik in den Augen entschuldigte sich Tobias bei mir. Das wäre wahrscheinlich ein guter Moment gewesen, um Gnade für ihn zu bitten. Und manchmal denke ich, dass ich das im Interesse meines Seelenheils auch hätte tun sollen.

Aber was soll ich sagen – wir sind alle nur menschlich.

im Bild oben: Erich Honecker, wie er überlebensgroß in meiner Schulspeisung hing (Bild rechtefrei aus dem Bundesarchiv)

Schulden

Auf der Berlinale den Film „Die Möllner Briefe“ gesehen. Es geht dabei um die Geschichte von hunderten Beileids- und Solidaritätsbekundungen für die Opfer und Hinterbliebenen der Anschläge vom 23. November 1992. Mehr als 27 Jahre lagen die Briefe bei der Stadt Mölln und nur durch einen Zufall erfuhr die Familie Arslan von deren Existenz. Der Film begleitet vor allem Ibrahim Arslan, der als 7-jähriger von seiner Großmutter Bahide Arslan in ein nasses Handtuch gewickelt unter dem Küchentisch überlebte, dabei, wie er ausgewählte Absender*innen besucht, wie er die Verbindung hält zu den Familien die im Haus Ratzburger Straße ihre Existenzen und Wohnungen verloren hatten und wie er mit der Ignoranz deutscher Behörden umzugehen gelernt hat.

Zu sehen, wie präsent das Trauma mehr als 30 Jahre nach dem Verbrechen für die Familie ist, für die überlebenden Geschwister, die Mutter – das ist kein einfacher Stoff. Der Film ist dabei nicht voyeristisch, vermeidet auch die Ästhetisierung des Leids. Aber er ist schon sehr dicht dran.

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Ebenfalls mit den Hinterbliebenen rechtsextrem motivierter Morde beschäftigt sich „Das deutsche Volk“, der auch auf der Berlinale Premiere hatte. Darin gibt es eine Szene, in der Emiş Gürbüz, Mutter des am 19. Februar 2020 ermordeten Sedat Gürbüz, während einer ermüdenden Diskussionen mit Offiziellen aus Hanau, irgendwann abwinkend meint, dass man die Stadt ja vergessen könne. Daraus strickt einer der Verantwortlichen ihr gegenüber den Vorwurf, sie hätte gesagt, dass sie Hanau hasse, wie sie ja auch Deutschland hasse.

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„Sie müssen doch auch sehen…“

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„… auch nicht einfach für uns …“

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Als das in Hanau passiert ist, hat mich die Stadt Hanau angerufen und gesagt: »Wie können wir denn solidarisch und respektvoll mit den Betroffenen in Hanau eine Gedenkveranstaltung organisieren?« Ich habe gesagt: »Wieso fragen Sie da nicht die Betroffenen aus Hanau?« Ibrahim Arslan im Interview mit ak, 15.11.2022

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Die taz berichtet, dass die Hanauer Stadtregierung unzufrieden mit der Führung der Hinterbliebenen, insbesondere von Emiş Gürbüz, sei. Die hatte auf der diesjährigen Gedenkveranstaltung die Kritik an der Stadt Hanau erneuert. Außerdem soll sie auf der Premiere von „Das deutsche Volk“ gesagt haben, sie hasse Deutschland, Hanau und den Hanauer Oberbürgermeister.

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„…bei allem Verständnis für die Trauer…“

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Ibrahim Arslan hat über die Jahre wiederholt darauf bestanden, dass im Zentrum der Erinnerung an Mölln die Opfer und deren Angehörige stehen müssten, dass sie nicht Statisten einer offiziellen Inszenierung sein könnten. (siehe auch: Möllner Rede im Exil)

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Die [Hanauer] SPD-Fraktionsvorsitzende Ute Schwarzenberger erklärte zudem, sie wünsche „Frau Gürbüz die Kraft, ihren Hass zu überwinden, um sich künftig respektvoll zu äußern“. aus dem taz-Beitrag.

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Respekt

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Teil der Ausstellung „Three Doors“, 2022 im Frankfurter Kunstverein, die sich unter anderem mit den rassistischen Morden von Hanau befasste, der unmittelbaren Verantwortung von Polizei und Stadt, den Ermittlungsfehlern und Nachlässigkeiten, den Folgen des alltäglichen Rassimus, waren Videostatements der Hinterbliebenen im Raum der Initative 19. Februar Hanau. Emiş Gürbüz sagt dort: „Ich will mein Kind zurück.“ Das darf die Mutter wohl. Trauern. Der Satz davor ist es, der ausdrückt, was so viele nicht hören wollen: „Deutschland schuldet mir ein Leben.“

im Bild oben: Aufkleber, so gesehen 2022 in Frankfurt/Main. Peter Beuth war von 2014-2024 hessischer Innenminister.

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Maßgeblich

Bald acht Jahre hab ich’s vor mir hergeschoben, jetzt dann doch endlich gelesen. „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von Manja Präkels. Viel gepriesen und bepreist, völlig zu Recht selbstverständlich. Ich hatte ja auch nicht so lange gewartet, weil ich mit einem schlechten Buch gerechnet hätte. Zumal ich bis hierher alles von ihr mit größtem Gewinn gelesen hatte. Oder genauer: Für mich ist Manja Präkels die maßgebliche Stimme aus meiner Generation Ostdeutschland. Von niemand sonst fühle ich mich so genau gesehen, beschrieben und verstanden.

Was mir beim Lesen von Schnapskirschen noch deutlicher als bei den kürzeren Texten von Präkels auffällt, ist das entschiedene Beobachten. Die einfach gehaltenen Satzkonstruktionen, die verständliche Sprache ist meinem Eindruck nach nicht einfach nur zielgruppengerecht (Genre „Jugendroman“). Die Form hilft außerdem, der Versuchung zur Interpretation zu widerstehen. Vielleicht ist das auch das Problem, das ich mit so vielen Texten zu den sogenannten Baseballschlagerjahren habe. Dass sie schon seit Jahren immerzu einordnen, bewerten, herleiten usw, während das konkrete Geschehen und Erleben jener Zeit noch nicht einmal im Ansatz erzählt ist. Es wird immer eine Gemeinsamkeit der Erfahrung vorausgesetzt, ohne eine Verständigung darüber in Gang gesetzt zu haben, was eigentlich passiert ist.

Das mag vielleicht etwas seltsam klingen, aber tatsächlich fehlt es an allen Ecken und Enden an einer Dokumentation jener Zeit voller Gewalt und Angst. Die bekannten (und tatsächlich von so vielen schon wieder vergessenen) Bilder aus Lichtenhagen, Hoyerswerda usw haben „wir“ in der Regel auch nur im Fernsehen gesehen. Die gaben aber nicht die Alltäglichkeit der Bedrohung wieder. So wie Präkels es beschreibt: „Dann heulten alle. Für uns war nichts mehr drin. Sie waren überall. Und nun sogar im Fernsehen.“

Das was jeden Tag geschehen ist – oder jeden Tag geschehen konnte – davon gibt es keine spektakulären Fernsehbilder. Das wollten schon damals viele lieber nicht sehen. Nochmal Schnapskirschen:

„Sie haben Michael Müller zusammengeschlagen.“
„Schon wieder? Warum denn nur?“
„Ohne Grund.“
„Es gibt immer einen Grund.“
„Weil er lange Haare hat?“
„Das ist doch kein Grund.“
„Sag ich doch.“
„Jetzt hör aber auf!“
„Ich soll aufhören?“
„Na, ihr dürft nicht immer provozieren.“

Dieser Unglaube im Angesicht der rohen, im engeren Sinne „grundlosen“ Gewalt ist einer der wichtigen taktischen Vorteile der Faschos. Denn dieser Unglaube verlangsamt die dringend nötige Reaktion erheblich. Es ist dazu für jene, die die Gewalt erfahren, eine zusätzliche Demütigung, dass mindestens implizit ihr Erleben in Zweifel gezogen wird. Und das sogar noch, wenn die sichtbaren Spuren kaum zu leugnen sind.

Das Hinschauen zu lernen, die Wahrnehmung der Bedrohung zu schärfen, auch wenn die unmittelbare Betroffenheit noch nicht realisiert ist, dürfte angesichts der Konjunktur rechtsradikaler Menschenfeindlichkeit auf allen Ebenen, auch weiterhin sehr wichtig sein. Mit Manja Präkels lässt sich das im Blick auf die letzten gut 30 Jahre hervorragend einüben.

Apropos nicht realisierter unmittelbarer Betroffenheit sollte erwähnt werden, dass wer nichts sieht, trotzdem keineswegs entkommen wird: „Anfangs war es mir vorgekommen, als sei das Leben in der Kreisstadt trotz allem ein besseres. Langsam begriff ich, dass ich mich nur weniger auskannte und darum weniger sah.“ Wie gesagt, maßgebliche Stimme.

im Bild oben: Sonnenuntergang in Plötzensee.

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