Ein Drittel

In der Endphase der DDR, im ersten Quartal 1990, entstand eine dokumentarische Koproduktion der Gruppe Schauinsland mit dem Titel „Im Glanze dieses Glückes“. Im Rahmen der Retrospektive lief die in diesem Jahr auf der Berlinale. Nun waren die Stücke aus der Retro-Reihe „Lost in the 90ies“ für mich sämtlichst eine Auffrischung beinahe verloren geglaubter Erinnerungsbilder. Zum Teil schlitterte das nahe an Sentimentalität entlang, mit so einem etwas zuckrigen „weeßte noch“ im Ohr, das zB. (und nicht zuletzt) beim Betrachten von Bildern der rumänischen Revolution dann aber ein wenig deplatziert wirkte. Ja klar weeß ick noch. Und sonst?

„Im Glanze dieses Glückes“ setzt ein Mosaik variierender Intensität und Qualität zusammen, folgt einzelnen Protagonist*innen durch die Wirren dieser an umwälzenden Ereignissen so reichen Zeit. Insbesondere wenn die Kamera sehr ruhig und nah an den Personen bleibt, wird eindrucksvoll die zeittypische Überforderung illustriert, aber auch die Mechanismen werden sichtbar, mit denen sie sich einen Reim darauf machen was gerade passiert, mit der Welt, mit den nächsten Menschen, mit sich selbst.

Sehr spannend zu beobachten sind zwei Arbeiter, die in ihrer Werkstatt Teile von Werkzeugmaschinen zur Härtung in einer Art Brennöfen wärmebehandeln. Was mich sehr beeindruckte, war der tiefe Stolz der beiden auf das Handwerk, das selbstbewusste Wissen um die eigenen Fertigkeiten. Dazu wurde aus den reflektierenden Einlassungen beider eine Gewissheit deutlich, dass es besser wäre, wenn der „von den arbeitenden Menschen“ produzierte Mehrwert der Allgemeinheit zu Gute käme und nicht individuellen Profitinteressen. Unmissverständlich ist das Bedauern um das Scheitern dieses Versuches, es besser zu machen.

Die beiden wissen, dass sie wahrscheinlich schon bald nicht mehr gebraucht werden mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen. Dabei präsentieren sie eine ganz natürliche Würde und eine mich überraschende eloquente Aufrichtigkeit, die auch bei anderen Protagonist*innen durchscheint. Das ist entweder der klugen Auswahl der Filmemacher*innen geschuldet oder vielleicht doch Zeugnis eines in der DDR gewachsenen Persönlichkeitstyps. Vor allem aber dieser proletarische, eher stille, gar nicht überheblich auftrumpfende Stolz schien mir etwas so unglaublich wertvolles zu sein, etwas, das seitdem permanent niedergedrückt und entwertet wird. Immer und immer wieder. Etwas, das mit der weiter fortschreitenden Entfremdung und Sinnentleerung der jeweils ausgeübten Tätigkeiten, mit denen die Zeit zum Geldverdienen eben so vergeudet wird, kaum wieder entstehen kann und auch gar nicht entstehen soll.

Klassenbewusstsein ist ja nicht nur eines von der Differenz, sondern eines vom eigenen Wert. Vielleicht sogar zuallererst vom Wert. Denn erst auf dessen Grundlage lässt sich doch Ungerechtigkeit plausibel beschreiben und letztlich dagegen aufbegehren.*

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An sowas muss ich denken, wenn meine Gewerkschaft den Kolleg*innen einen Tarifabschluss zur Annahme empfiehlt, der in seiner Laufzeit von 27 Monaten durchaus zu einem Reallohnverlust führen könnte. Gleichzeitig werden im verdi-Newsletter Empfehlungen für die private Altersvorsorge und den Aufbau von Eigenkapital per Bausparvertrag abgegeben, Mitgliedervorteilsangebote inklusive. Bankrotte Drückerkolonne mit roten Trillerpfeifen.

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Ein außergewöhnliches Stück Zeitgeschichte bei „Im Glanze dieses Glückes“ ist noch das Interview mit einem Stasi-Psychologen**. Dessen völlig verzerrtes Selbstbild und seine sensationell naive Unbeholfenheit bringt Regisseurin Tamara Trampe so dermaßen auf die Palme, dass sie die Position hinter der Kamera verlässt und den Mann ziemlich ungehalten und sehr präzise mit der Bizarrheit seiner seltsam hilflosen Verbohrtheit konfrontiert. Filmisch sehr geschickt gemacht hat sie anschließend die Szene für sich allein, um kurz zu erklären, was da eigentlich passiert ist, was ihr Problem war.

Und alles was sie an Ärger über sich selbst und diesen Berufsmanipulator zu sagen hat, ist richtig und wichtig. Am schwersten aber wiegt ihr Vorwurf an ihn und seinesgleichen, dass jene widerliche Karikatur einer gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Alternative zum Kapitalismus jeden Gedanken an einen neuen sozialistischen Versuch für mindestens hundert Jahre unmöglich gemacht habe.

Hundert Jahre.

Immerhin, ein Drittel der Zeit ist schon um.


*Eine Schwäche dieser Konstruktion ist, dass der Wert tatsächlich oft genug ausschließlich über Arbeit und Arbeitsfähigkeit definiert wurde, was eine riesige Leerstelle erzeugt, sowohl ethisch, als auch politisch-strategisch. Das aber ist eine ganz eigene Betrachtung wert.

**Den Offizier, Jochen Girke, besuchte Trampe kurz darauf erneut mit der Kamera und drehte über ihn einen kompletten abendfüllenden Dokumentarfilm, „Der schwarze Kasten“, der bei der Bundeszentrale für politische Bildung abrufbar ist. Bei Erscheinen, 1992, gab es in der taz eine ganz wunderbare Rezension von Dietmar Hochmuth, in der auch ein paar nachvollziehbare Watschen gegen den Ursprungsfilm verteilt werden.

im Bild oben: Die fotogene Treppe im Haus am Kleistpark mit einem Kurzgedicht von Boris Lurie

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